Barfußschuhe

Das alte Märchen von den neuen Kleidern des Kaisers

Des Kaisers neue Kleider, das Märchen mit den hochherrschaftlichen Klamotten, die so fein gewebt sind, dass sie nur das geübte Auge sehen kann, fasziniert mich immer wieder, erzählt es doch von Verblendung. Lässt man sich etwas nur lange genug einreden, glaubt man es irgendwann tatsächlich. Unterstützt wird Verblendung von einem Antrieb, es den Mitgliedern seiner Peergroup gleichzutun, um nicht als Sonderling dazustehen. Bei Des Kaisers neue Kleider wollte sich auch niemand nachsagen lassen, er könne die Kleider nicht sehen (und so verdienten die betrügerischen Schneider Kohle ohne Ende, weil sie es geschafft hatten, eine kollektive Illusion zu etablieren).

Barfuß-Schuhe: Des Läufers neue (Fuß-)Kleider

So irreal es auch erscheinen mag, sich Kleider nur einzubilden und diese Einbildung gleich auch noch an sein Volk weiterzugeben: mir kommt es aber noch viel grotesker vor, was die Laufschuhhersteller zum Thema Barfußlaufen fabrizieren: da wird doch tatsächlich der schon sprachlich paradoxe Begriff "Barfußschuhe" geprägt und mit dem professionellen Hochdruck einer perfekten Werbe-Windmaschine in die Köpfe der Läufer geblasen. Schon bald behauptet jeder Läufer, der nicht von gestern sein möchte, er sei barfuß unterwegs. Wir erinnern uns: alle, die den Kaiser sahen, preisten die Schönheit der unsichtbaren Kleider des Kaisers (bis auf die Kinder). Gerne packe ich mir dabei auch an die eigene Nase: mein halber Blog besteht aus Berichten über solche Schuhe, die vom Hersteller als Barfußschuhe vermarktet werden. Lassen wir aber den Begriff "Barfußschuhe" noch kurz einwirken: es klingt ein wenig wie "Wasch mich, aber mach mir den Pelz nicht nass!". Laufen ohne Schuhe, aber mit dem Schutz, den nur Schuhe bieten. Seltsam, nicht wahr? Das hat schon was von Nacktburka oder Glatzenperücke.

Augen auf und wirklich mal "ohne" laufen!

Genug um den heißen Brei geredet, wir machen jetzt den Praxistest! Wer wirklich wissen will, wie groß der Unterschied ist, sollte nur mal auf wechselnden Untergründen eine 3km-Strecke in Schuhen, dann in Barfußschuhen und dann richtig barfuß laufen. Aber bitte nicht nur auf glattem Asphalt, sondern auf Feld- und Waldwegen und über Wiesen.

Also gibt es wirklich keine Barfußschuhe, oder?

Für alle, die nach unserem Praxistest die bittere Erkenntnis gewonnen haben, dass die Barfußschuhe tatsächlich nicht das geringste mit barfuß Laufen zu tun haben (eher mit "ungedämpft" laufen), habe ich als kleinen Trost die einzigen mir bekannten wirklichen Barfußschuhe im Internet (wo sonst gibt es alles?) gefunden. Bitte schön, hier sind sie: die Freerunner.

Genauer gesagt handelt es sich beim Freerunner nicht um einen Schuh, sondern um eine Transformationstechnik, die den Fuß in einen lebenden Schuh verwandelt.

Die Gründer der Firma "Freerunner Inc.", die Inder

Chandra Barfu-Singh
YogUS Bindhi *)

haben eine Lösung entwickelt, die über eine USB-Schnittstelle für Konfiguration, Software-Updates und weitere Datenaustausch-Prozesse mit der Außenwelt verbunden werden kann. Die eigentliche Steuerung befindet sich als Implantat innerhalb des Fußes. Es wird operativ direkt mit den Nerven des Fußes (Sensoren, Schmerzrezeptoren und Motoneuronen) verbunden. Der hierzu nötige Eingriff dauert ca. 6 Stunden; die Adaptionsphase, in der die Nerven mit dem Implantat eine dauerhafte und robuste Verbindung eingehen, währt etwa einen Monat, danach ist der Barfußschuh verwendbar. Die zum Betrieb nötige Energie bezieht der Freerunner aus 12 Micro-Kompressionspumpen, die in 4 verschiedene Muskelgruppen eingebaut werden. Die gehärtete USB-Schnittstelle ist extrem stoßfest und bis 10 BAR (entspricht 100m Tauchtiefe) wasserdicht.

Wie arbeitet der Freerunner?

Der Freerunner dämpft die Signale der Schmerzrezeptoren auf ein ertragbares Maß. Er steuert die Kontraktion der Fußmuskulatur, damit der Fuß unangenehme Bodenstellen wie Steine, Kanten, Hölzchen und Scherben ausgleichen kann. Er erkennt auch, wann die Muskeln so müde sind, dass sie die Ausgleichsarbeit nicht mehr leisten können, und reduziert die Schmerzdämpfung dann wieder. Alles in allem verhält sich ein Freerunner-gesteuerter Fuß wie der eines geübten Barfußläufers, dessen Strukturen bereits robust und dessen Reaktionen maximal schnell sind.

Wer die Operations-bedingte Laufpause von einem Monat in Kauf nimmt, spart sich mit dem Freerunner zwei Jahre Barfußtraining, dann der Fuß kann unmittelbar nach der Adaptionsphase, was sich ein angehender Barfußläufer mit viel Geduld und Schmerzen über viele Monate erarbeiten muss.

Selbstverständlich lässt sich das Ausmaß der Steuerung durch den Freerunner beeinflussen, so dass ein sanfter Übergang zu einem ungesteuerten, absolut natürlichen Barfußlaufen möglich ist, wodurch Läufer aller Barfuß-Skill-Levels auf ihre Kosten kommen.

Ach ja, die Kosten! Unter Verzicht auf Regressansprüche kann man sich den Freerunner kostenlos einbauen lassen, wenn man damit einverstanden ist, dass alle vom Freerunner gemessenen und erzeugten Daten an die Server von Freerunner Inc. übertragen und für werbliche Zwecke verwendet werden dürfen, also eine Art Google für die Füße, oder Fußbook.

*) Sorry für den derben Witz, aber den konnte ich mir nicht verkneifen!

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