40 Tausend Schritte
Stichwort:

Anatomie eines langen Barfuß-Laufs

Ich habe mir einen Traum erfüllt: 30 km barfuß laufen. Das ist schon fast 3/4 eines Marathons. Für die Strecke habe ich über 3 Stunden gebraucht. Wo ich meine guten Marathons noch vor Kurzem unter 3 Stunden gelaufen bin. Allerdings in Schuhen, auch wenn diese in der Kategorie "Minimalschuhe" geführt werden. Hmm...

Wenn mir dieser erste wirklich lange Barfuß-Lauf nun doch so viel mehr bedeutet als meine bisherigen Marathons, dann liegt es weniger an einer beschönigenden Rückschau auf das bislang Erreichte, sondern an dem ungeheuren Grad an Freiheit und Unabhängigkeit, den ich während des Laufs und selbstverständlich auch danach verspürte. Ich brauche wirklich nichts mehr außer meinem eigenen Körper, um mich in angemessener Geschwindigkeit über eine lange Distanz zu bewegen. Eine richtige kleine Reise voller kleiner Abenteuer. Ich erzähle euch einfach davon, denn wie sich das ganze über 3 Stunden hinweg anfühlt, sieht man von außen nicht.

Die ersten zwei Kilometer

Der Beginn des Laufs ist von dem Gedanken geprägt, es langsam anzugehen, damit alle belasteten Strukturen erst mal warm werden können. Ich trabe langsam los, es ist wohl ein 7er Schnitt, mit möglichst weichem Fußaufsatz und nachgiebiger Körperspannung. Der Asphalt der Strasse ist unterschiedlich glatt: wo er noch neu ist, läuft es sich schon angenehm, die älteren und rauh gewordenen Strecken drücken spürbar in die Sohle und reizen die gut ausgeschlafenen Nervenenden, schließlich ist es noch früh am Morgen. Ich laufe ziemlich aufrecht und setze nach dem Erstkontakt mit dem Ballen immer den ganzen Fuß auf, um eine gleichmäßige Druckverteilung hinzukriegen. Der Schritt wird nach und nach runder und ein guter Rhythmus stellt sich ein. Ich beginne leicht zu schwitzen, so dass mich die Luft angenehm kühlt, und - ich atme ausschließlich durch die Nase. Das garantiert einen lockeren Laufbeginn. Zwei Wiesenstücke nutze ich, um auch mal zwischendurch etwas dynamischer auftreten zu können und freue mich über den sanft nachgebenden Boden.

Kilometer drei bis zehn

Bei ständig wechselnden Untergründen haben die Nerven der Sohle inzwischen so viele Bodenkontakte hinter sich, dass eine gewisse Abstumpfung der Empfindungen eingetreten ist: nun sind es im wesentlichen grobe Unebenheiten, die Ränder und Fugen der Knochensteine von Bürgersteigen oder kleine Steinchen auf Feldwegen, die ich noch spüre. Ein Stück Feldweg am Rande einer Siedlung, das mich wegen seines Belags aus kleinem und kleinstem Schotter fast bis auf Spaziergängertempo heruntergebremst hätte, nutze ich für einen schnelleren Lauf mit ausholenden Schritten, weil ich auf den Randstreifen mit dichterem, höherem Gras ausweichen kann. Dann wieder alter Feldweg mit teilweise rauherer Oberfläche, die mir aber jetzt schon nichts mehr ausmacht. Bei km 10 freue ich mich, dass ich schon 1/3 geschafft habe, ohne dass meine Füße sich irgendwie verbraucht anfühlen.

Kilometer elf bis achtzehn

Diese Strecke führt mich an einem Zufluss des Mains, der Nidda, entlang. Noch vor wenigen Jahren war der Uferweg streckenweise so erodiert, dass es schon mit den dünnen Sohlen der Fivefingers schmerzhaft war, über die ausgewaschenen spitzen Steine zu laufen. Vor kurzem aber wurde der Weg über weite Strecken erneuert und ich freue mich, dass er nun relativ glatt und angenehm zu laufen ist. Eine kleine, hässliche Ausnahme macht ein mit hellen, spitzen, mittelgroßen Steinchen bedeckter Wegteil von ca. 400m Länge, den ich nur im Schritttempo laufen kann, so schlimm piekst das. Wären die Steine kleiner ode größer, dichter oder weiter auseinander, wäre das alles kein Problem, aber der Erschaffer dieses Teilstücks muss erkannt haben, was sich perfekt in die Sohlen bohrt. Danach kommt ein Stück Hundewiese parallel zum Fußweg, und die unbändige Freude kehrt zurück in meinen Lauf. Die Wiese strotzt zwar nur so vor Unebenheiten bis hin zu Löchern von der Größe eines halbierten Fußballs, aber die Gelenke sind inzwischen so warm und geschmeidig, dass das Ausgleichen des unruhigen Untergrunds ein herrliches Vergnügen ist. Über Fußgängerbrücken geht es dann über zwei Nidda-Arme in den Solmspark. Auch hier laufe ich auf der Wiese und stelle fest, dass sie von vielen harten Wurzeln durchsetzt ist. Dennoch macht auch hier das Laufen auf einem natürlichen Untergrund großen Spaß. Der letzte Teil der Rasenfläche wird gerade frisch gemäht, so dass meine Füße bald paniert sind von der feuchten, warmen Grasmaht. Anschließend kommt ein langes Stück Uferweg bis nach Frankfürt-Höchst, wo die Nidda in den Main fließt. Ich nutze noch einmal eine große Hundewiese für einen Tempowechsel und verlasse dann die Nidda. Als ich mir die letzten Grashalme von den Füßen streife, nehme ich die Gelegenheit zu einer kurzen Inspektion der Sohle wahr: es gibt keine sicht- oder fühlbaren Verletzungen; sie sieht am Ballen und an der Außenkante gut durchblutet aus, das Gewölbe erscheint in hellem Rosa.

Kilometer neunzehn bis dreißig

Die letzten zwölf Kilometer geht es über Fußgängerwege und Feldwege heimwärts, streckenweise leicht bergauf. Die Muskulatur meiner Füße fühlt sich noch immer gut an und weil ich in einem Tempo laufe, das im Vergleich zu früheren Marathon-Vorbereitungsläufen deutlich langsamer ist (6er Schnitt statt 4:30er), kann ich immer noch durch die Nase atmen und fühle mich auch nicht erschöpft. Ich bin auch nicht richtig durstig, obwohl ich schon zwei Stunden laufe und vor dem Lauf nichts gegessen, sondern nur ein Glas Mineralwasser getrunken habe. Die Vorstellung, nun noch viel weiter laufen zu können als geplant, macht sooo viel Spaß. Dann kommt ein frisch renovierter Feldweg in dunklem Grau, auf dem gut verteilt genau so viele kleine Steinchen der Randbefestigung liegen, dass ich bei jedem zweiten Schritt einen kleinen Stich in die Sohle bekomme. Dieser Abschnitt ist ca. 500m lang und ich fluche leise vor mich hin, weiß aber auch schon, dass danach nur noch gut bekannte Wegstücke kommen, die keinerlei unangenehme Überraschungen mehr bringen werden. Die letzten 6 km liegen auf einer meiner Runden, die ich in den letzten Wochen öfters gelaufen bin und ich freue mich, dass meine Füße sich nach wie vor gut anfühlen. Spätestens jetzt ist jede Unsicherheit, ob ich diese lange Strecke gut überstehen würde, verflogen. Auf dem letzten Kilometer nutze ich nochmals einen gräsernen Wegrand und trabe dann nach Hause.

Was bleibt?

Grob gerechnet habe ich heute am Stück um die 40.000 Schritte gemacht, 20.000 mit jeden Fuß. Das sollte normalerweise ausreichen, um jede nackte Sohle auf- oder abzureiben und darunter jede Menge Blasen entstehen zu lassen. Dass die Sohle aber nach dem Duschen direkt nach dem Lauf genau so aussah wie davor, und sich noch immer gut anfühlte, zeigt mir, wie extrem sich unser Körper an geänderte Anforderungen anpassen kann, wenn man ihn nur entsprechend fördert. Noch am 29.07.2011, am Tag nach meinem allerersten Barfuß-Lauf (Von Nike Free), habe ich davon geträumt (und versprochen, davon zu berichten), gänzlich ohne Schuhe zu laufen. Damals hatte ich meine Fußsohlen mit dem zweiten Lauf ziemlich abgerubbelt. Nur die Hornhaut zwar, die ja ohnehin komplett überflüssig ist, aber darunter befand sich noch eine empfindliche, verletzliche, dünne Haut. Heute, etwas mehr als 3 Jahre später, kann ich mich über eine nur unwesentlich anders aussehende, aber strukturell um Dimensionen robustere Haut freuen, die sicher auch einen Marathon ohne Blasen durchstehen würde. Und das, obwohl ich erst in diesem Jahr konsequent barfuß gelaufen bin. Die Entwicklung und Umgestaltung der Sohle durch Benutzung hat mir gezeigt, wie flexibel selbst wir Menschen (als vom Komfort maximal verhätschelte Spezies) uns anpassen können. In die eine Richtung: selber können und machen wie beim barfüßigen Laufen, oder in die andere Richtung: alles dem Smartphone überlassen und nach und nach alle eigenen Fähigkeiten verlieren. Wie die Menschen, die sich ohne ihn wirklich zu brauchen, einen Rollator zulegen und zwei Jahre später nicht mehr gehen können, weil sie es einfach verlernt haben. Use it or lose it.

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