Vom Nutzen der Pulsuhren

Jeder Läufer kennt Sportuhren, mit denen man seinen Puls anzeigen lassen kann. Meistens ist der Herzfrequenzsensor in einem mehr oder weniger störenden Brustgurt untergebracht. Die Übertragung der Messdaten erfolgt drahtlos vom Sensor zur Armbanduhr, wo man sie je nach Modell unterschiedlich aufbereitet ablesen kann. Die kleinen Wunderwerke präsentieren uns die Daten aber nicht nur als aktuellen Wert, sondern auch als Durchschnittswert einer Runde oder des gesamten Laufs. Fortschrittliche Modelle errechnen aus der Herzfrequenz-Varianz unseren aktuellen Fitnesszustand und empfehlen entsprechende Trainingseinheiten. Nahezu alle Modelle haben die Möglichkeit, Warntöne zu erzeugen, wenn wir bestimmte Herzfrequenzbereiche unter- oder überschreiten.

Was spricht also dagegen, sein Training nach dem unbestechlichen Urteil eines solchen objektiven Systems zu richten? Es kann doch nur gut sein, wenn:

  • meine Herztätigkeit jederzeit überwacht wird
  • ich mich an die Zonen halte, in denen regenerative Einheiten, Fettstoffwechseltraining, aerobes und anaerobes Training empfohlen werden
  • im Langstreckenwettkampf die anaerobe Schwelle (oberhalb der ein rascher Kräfteverzehr eintritt) jederzeit im Blick ist.

Ja! Alle genannten Punkte sind richtig!

Und dennoch können Pulsuhren sehr negative Auswirkungen auf unsere wichtigste Energiequelle haben: die Psyche.

Ich habe selbst ca. 5 Jahre mit Pulsuhren trainiert und auch alle Wettkämpfe damit bestritten. Um zu vermitteln, wie Pulsuhren die Läuferpsyche verändern können, schildere ich hier in loser Zusammenstellung, auf welche Gedanken ich ohne Pulsuhr nie gekommen wäre:

Beim Überschreiten der Obergrenze: (später habe ich den Piepston abgestellt, weil es mir peinlich war, piepsend durch den Wald zu laufen): Schon zu hoch! Ich bin wohl nicht in Form! Oder: Jetzt muss ich langsamer laufen, obwohl ich nach 100m den Anstieg hinter mir habe und mich eigentlich richtig gut fühle!

Bei einem schlechten Verhältnis zwischen durchschnittlichem Puls und zurückgelegter Strecke: vielleicht liegts an dem harten Lauf gestern / am zu warmen Wetter / am Essen zu kurz vor der Einheit.

Im Marathon: mein Puls ist zu hoch, so halte ich das nie bis zum Ende durch, sicher breche ich bei km 35 zusammen.

Dies ist nur ein kleiner Teil meiner Gedanken, die sich ganz langsam zu einer immer störenderen Begleiterscheinung von Training und Wettkampf entwickelt haben und mir dadurch die Konzentration auf das Wesentliche unmöglich gemacht haben.

Was ist aber das Wesentliche am Laufen?

  • Das Einhalten eines bestimmten Herzfrequenzbereichs?
  • Die ständige Verbesserung des Verhältnisses zwischen Herzfrequenz und Laufgeschwindigkeit?
  • Die Beschäftigung mit Messwerten und Trends am Computer?

Für mich seit Mitte 2007 nicht mehr. Ich hatte schon lange das Gefühl, mich immer mehr vom Laufen zu entfernen, und so war der erste Lauf ohne Brustgurt eine Offenbarung. Zwar musste ich mindestens 100 mal dem Impuls widerstehen, zur Uhr zu schauen, aber mit dem Gedanken: Egal, welchen Puls du hast, genieße das Laufen! kehrte ich langsam zu einer im wahrsten Sinne des Wortes entspannten Haltung zurück und kam richtig fröhlich zu Hause an.

Was empfehle ich daher? Ich möchte die Herzfrequenzmesser hier nicht in Bausch und Bogen verdammen, sondern nur darauf aufmerksam machen, dass die Nutzung dieser Geräte Auswirkungen auf das “Erlebnis Laufen” haben kann, die sich eigentlich niemand wünscht. Ich kann nur empfehlen, sich bei Nutzung der Geräte zu beobachten, um feststellen zu können, ob man sich von der Technik abhängig macht. Wenn ja: lauft ohne Brustgurt und kehrt wieder zu dem zurück, was die ganz großen Läufer aus Afrika tun: hört auf euren Körper und auf eure sehr feinen und vielfältigen Gefühle statt auf primitive und nur scheinbar präzise Zahlen und technische Daten! Und wenn ihr wirklich eine Objektivierung eures gefühlten Trainingszustands braucht, dann zeichnet einmal im Monat oder im Vierteljahr euren Puls auf und wertet ihn nachher aus, nicht aber schon beim Laufen!

Mein Laufen hat seit dem Verzicht auf die Pulsmessung keine schlechteren Wettkampfergebnisse gebracht, aber viel mehr Freude am unbeschwerten Vorwärtskommen.

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