Zu Hause angekommen?

Mein Frankfurt Marathon 2010

Was hatte ich mir vorgenommen?

  1. Diesmal ohne Hektik an den Start zu gehen
  2. Einen richtigen großen Wettkampf mit ChiRunning zu laufen
  3. Bei gutem Wetter: meine Laufsandalen zu tragen
  4. Bei guter Form: nach weniger als 3 Stunden durchs Ziel zu kommen

Hektik vor dem Start

Wie in jedem Jahr war ich auch in 2010 sehr aufgeregt, bei einem so großen Ereignis dabei sein zu dürfen. Aus der Aufregung wurde dann doch wieder pure Hektik, als ich nach dem Warmlaufen in meinen Startblock wollte und alles voller Zuschauer war.

Nicht dass ich dies zum ersten Mal erlebt hätte, aber die Enge inmitten der Menschenmassen ist immer wieder - auch im eher unangenehmen Sinne - überwältigend.

Also blieb auch dieses Jahr nur die Option, über das Absperrgitter in den Block zu klettern. Schlecht war nur, dass dies vor mir schon so viele Läufer getan hatten, dass ich nur mit Mühe noch reinkam, und noch schlechter war, dass nach mir noch einige kamen, die denselben Weg wählten. Glücklicherweise ist mir keiner auf die fast nackten Füße gesprungen, als er das Gitter überstiegen hatte.

Als es dann endlich losging, musste ich noch ca. eine Minute mit ausgestrecktem Po bis zur Startlinie watscheln, um zu verhindern, dass mir jemand auf die Ferse tritt, dann konnte ich meine Stoppuhr starten und endlich gings los mit den ersten Laufschritten.

Marathon mit ChiRunning

Das Überqueren der Startlinie war eine echte Befreiung, und langsam konnte ich mich auf meine Bewegungen konzentrieren. Das Läuferfeld war zunächst noch so dicht, dass die Uhr bei KM 1 eine Zeit von 4:26 zeigte, was für das Ziel "Unter drei Stunden" deutlich zu langsam war.

Jetzt kam ChiRunning ins Spiel: "denke an die richtige Haltung und nicht so sehr an die Zeit" half mir, die Verspätung weitestgehend zu ignorieren und mich stattdessen auf die Entspannung zu konzentrieren. Dank der nach innen gerichteten Wahrnehmung war ich deutlich ruhiger als bei meinen bisherigen Marathons. Ich konnte mich fast ebenso "an die Konzentration anlehnen" wie an meine Neigung nach vorne, mit der die Laufgeschwindigkeit im ChiRunning gesteuert wird. Und beinahe von selbst stellte sich eine angenehme und freudvolle Geschwindigkeit zwischen 4:05 und 4:12 Min/km ein und damit der Eindruck eines mit jedem Kilometer größer werdenden Puffers, falls es hintenraus mal eng werden sollte.

Die schönste Sicherheit gab mir aber die Erinnerung an meinen Überdistanzlauf, bei dem ich bei zunehmender Erschöpfung immer schneller wurde.

Laufsandalen

Mein Herzenswunsch! Aus vollster Überzeugung, dass wir am besten so laufen, wie uns die Natur konstruiert hat - nur Läufer 2.0 wachsen mit Asics Gen-Kayano-Laufschuhen inkl. Mega-Pronationsstütze an den Füßen im Mutterleib heran, daher die Zunahme der Kaiserschnitt-Geburten - habe ich die erheblich geringere Belastung für Knie, Hüfte und Rücken dank des natürlicheren Laufens mit ungedämpften Schuhen lieben gelernt.

Nur das Wetter (nass oder unter 0 Grad) hätte mich davon abhalten können, in den Huaraches zu laufen. Als kleine Sicherheit hatte ich unseren Vereins-Betreuern bei KM 35 meine Nike Free 3.0 mitgegeben; wenn etwas Schlimmeres passiert wäre, hätte ich dort wechseln können, aber ich hätte es schon sehr schade gefunden, wenn es tatsächlich dazu gekommen wäre.

Unter 3 Stunden

Der Mann mit dem Hammer kam dann doch absolut überraschend schon bei KM 27, und zwickte mir in die rechte Wade. Nicht dass ich außer Atem gewesen wäre: ich habe noch nie bei einem Marathon so langsam geatmet wie bei diesem. Was war aber jetzt los? Vermutlich verursacht durch die reflektorische Anspannung der Wadenmuskulatur beim Fuß Aufsetzen wurde meine Wade deutlich fester und zuckte schon leicht krampfartig. Wenn man barfuß oder ungedämpft läuft, übernimmt der Körper die Dämpfung nun mal auf wunderbare Weise selbst. Zwar hatte ich schon Läufe in den Sandalen von 35 km hinter mir, aber nicht in dieser Geschwindigkeit (folglich bei geringerer Belastung). Ich hatte auch schnellere Läufe schon mit den Sandalen gemacht, aber nicht auf diese Distanz. Die Geschwindigkeit war einfach auf die Dauer hart für die Wadenmuskulatur.

Nun blieb mir - wollte ich nicht mit einem Krampf nach 2/3 der Marathonstrecke zum Fußgänger werden, wirklich nur ChiRunning in der einzig wahren (und von mir sicher noch nicht vollständig beherrschten) Form: ich durfte die Wade genau gar nicht mehr benutzen. Hätte ich nicht seit inzwischen ca. 6 Monaten immer wieder das Entspannen der unteren Extremitäten geübt, wäre dieser Marathon spätestens bei KM 30 für mich beendet gewesen. So aber konnte und musste ich das Bein völlig locker lassen und durfte erstaunt fühlen, wie die Anspannung bis zum Ziel sogar wieder geringer wurde.

Durch diese radikale Schonung habe ich es allerdings nicht geschafft, den Unterschenkel nach hinten bis in die Waagerechte zu bringen; gerade dieses "lift the lower leg" hätte die Geschwindigkeit spürbar fördern können, wie ich im Vorbereitungstraining gemerkt habe. Leider führten mehrere Versuche, den Unterschenkel mehr anzuheben, zwischenzeitlich kurzfristig wieder zu einer stärkeren Verspannung der Wade.

Ganz wunderbar fühlten sich allerdings jene Momente an, in denen ich einfach nur ein klein wenig Geschwindigkeit rausnehmen wollte, um noch entspannter zu werden, aber die Uhr zeigte überraschenderweise nur einen relativ geringen Verlust von 3 - 10 Sek/km an. Der Krampf blieb aus, der zuvor erlaufene Zeit-Puffer war im Ziel immer noch nicht aufgebraucht und so konnte ich meine Uhr bei 2:57:41 anhalten. Der Condor ist auf dem Turm gelandet!

Das Gefühl im Ziel versuche ich erst gar nicht zu beschreiben!

The Day After: wie sah es einen Tag später aus?

Die fehlende Dämpfung, verbunden mit der nie auf diese Distanz gelaufenen Geschwindigkeit hat einige Spuren hinterlassen, so dass meine regenerativen Kräfte gefordert sind...

Füße

Einige Blasen an Zehen und Ferse hat mir der Lauf beschert. Wie schon ab und zu in der Vorbereitungsphase, werden diese nach 3-4 Tagen nicht mehr stören und verheilt sein.

Achillessehnen

Die Achillessehnen sind beide nicht angegriffen, was mich sehr freut, denn da dauert das Ausheilen einer Überlastung doch immer etwas länger.

Waden

Beide Waden (nicht nur die rechte) sind deutlich spürbar verkatert. Ich kann aber freihändig - vorwärts - Treppen auf und ab laufen und dabei sogar noch etwas tragen. Schätze, der Muskelkater wird nach ca. 5 Tagen vollständig verschwunden sein.

Knie

Das linke Knie fühlt sich prächtig an. Dem rechten Knie merkt man schon ein wenig an, dass der Unterschenkel ab KM 27 nicht mehr für die Verarbeitung des Fuß Aufsetzens benutzt wurde. Geschätzt dürften ebenfalls 5 Tage Regeneration völlig ausreichen.

Und der Rest?

In den Oberschenkeln habe ich einen minimalen Muskelkater.

Der Nacken ist noch ein klein wenig verspannt, was ich auf die lange aufrechte Haltung zurückführe, die ich vielleicht noch nicht locker genug hatte. Aber besser mit gestrecktem Nacken und langem Oberkörper laufen als mit Kopf im Nacken in Sitzhaltung ins Ziel quälen!

Im Kopf habe ich das warme, freundliche, wohlige Gefühl, endlich zu Hause angekommen zu sein.

Und jetzt freue ich mich unbändig und wirklich ungeduldig auf das Ende dieser Woche, wenn ich vollkommen erholt wieder laufen werde. Ganz natürlich in Sandalen mit ChiRunning!

Weiter zum Blog-Artikel: High Tech
Zurück zum Blog-Artikel: Gehen wir nach Hause!
Nach oben
Die Tagcloud zeigt alle in den Beiträgen markierten Begriffe an, die insgesamt mindestens 25 mal verwendet wurden. Je größer ein Begriff erscheint, desto öfter wurde er insgesamt verwendet.
Die Intensität der Farbe rot zeigt an, wie oft ein Begriff im gerade anzeigten Beitrag verwendet wird.
Der Klick auf einen Begriff führt zur Tag-Suche.
Alle Begriffe sind in der großen TagCloud zu sehen.
achillessehne arm asphalt aufprall ballen barfuß bein belastung bewegung boden bodenkontakt buch chirunning druck dämpfung eis energie erfahrung feder ferse fivefingers form freude fuß fußaufsatz fußsohle fähigkeit füße gefühl gelenk geschwindigkeit gewicht haltung haut heggie hüfte kalt kamera knie kopf kraft körper lauf laufen laufstil leben läufer marathon mensch methode muskel natur neigung reiz rücken sandale schmerz schnee schnell schotter schritt schuh schulter schwerkraft sehne sohle sole runner spaß stein strecke technik tempo training uhr untergrund unterschenkel verletzung vorfuß vortrieb wade wahrnehmung wald wasser weg weich welt wettkampf zehen zeit ziel überlastung
Beiträge
Nach oben