High Tech

Eine kurze Analogie zum Einstieg

Was würden wir von einem Autofahrer halten, der die Fahrleistungen seines Autos optimieren möchte und

  • einen auf drei Nachkommastellen genauen Drehzahlmesser installiert,
  • ABS und Antischlupf nachrüsten lässt,
  • eine Computer gestützte Verbrauchsanzeige einbaut,
  • einen Spoiler am Heck seines Autos montiert,

aber nicht bemerkt, dass er

  • einen großen Gepäckträger mit Zelt und Koffern vom letzten Sommerurlaub auf dem Dach hat
  • total verrußte Zündkerzen benutzt
  • die Gänge in einem ungünstigsten Drehzahlbereich fährt?

Sind wir so viel anders?

Wir wollen unsere Laufleistungen optimieren und legen uns (unter anderem) folgende High Tech Ausstattung zu:

Vor lauter Glück über unsere gediegene Ausstattung entgeht uns, dass wir

  • bei jedem Schritt mit der Ferse aufsetzen und Energie vernichten
  • die Arme und Beine zu lang gestreckt lassen und gewaltige Hebelkräfte erzeugen
  • uns aufrecht laufend mit den Beinen nach vorne ziehen, statt nach vorne geneigt die Schwerkraft für den Vortrieb zu nutzen
  • zu flach atmen, weil unser Oberkörper gebeugt ist und die Bauchatmung mangels Platz unmöglich wird.

Wunderbar, herzlichen Glückwunsch!

Unsere High Tech Ausstattung wird dafür sorgen, dass wir bis zu einem Fünftel der unnötig verbrauchten Energie retten können. Und da wir alles mit unserer Ausstattung auch messen können, wird uns dieser relative Gewinn nicht entgehen, sondern unsere gute Wahl der High Tech Accessoirs bestätigen.

Stolz werden wir Jahr für Jahr die jeweils neueste Technik erwerben. Und weil wir uns auf sie fixieren, werden wir garantiert die restlichen 80% Verbesserungspotenzial übersehen, die alleine durch die Weise, wie wir laufen, zu erreichen wären.

Leider gibt es auch niemanden mehr, der uns wie die Kinder in dem Märchen Des Kaisers neue Kleider mit unverstelltem Blick betrachtet und uns mitteilt, wie sehr wir uns werblich haben täuschen lassen mit der fatalen Folge, dass wir an fast völlig unwichtigen Stellen optimieren. Es gibt zwar noch immer Kinder, die uns etwas mitteilen könnten, aber sie sehen uns nur noch, wenn wir zufällig vor die Linse ihres iPhone laufen. Selber laufen können sie mit ihren dicken Pommes-Bäuchen schon lange nicht mehr.

High Tech in der Biologie

Schade, dass wir den Blick verloren haben für

  • selbstheilende Bauteile (Gelenke, Muskeln, Haut,...)
  • parallel arbeitende Steuerungssysteme, die gleichzeitig Gigabytes an Propriozeptions-Daten verarbeiten
  • Filtersysteme, die die nach hunderten Kriterien ermittelten wichtigsten Daten besonders hervorheben
  • eine Steuerzentrale, die mit 4 Petaflops Rechenoperationen pro Sekunde immer noch doppelt so viel Rechenkapazität hat wie der aktuell schnellste Supercomputer
  • einen wirksamen Überhitzungsschutz, der sich den Jahreszeiten anpasst
  • lernende Gewebestrukturen, die sich an wechselnde Belastungen anpassen
  • ein NI-System (natürliche Intelligenz), das jedem KI-System (künstliche Intelligenz) hinsichtlich Menge, Komplexität und Geschwindigkeit des bewältigten Lernstoffs um Dimensionen voraus ist
  • eine Objekterkennung, die Bewegungen in der Umwelt erkennt, auch wenn wir uns selbst bewegen
  • und schließlich ein zur tiefen, rekursiven Reflektion fähiges Bewusstsein, welches sich selbst als Subjekt wahrnimmt, und zu Euphorie, Leiden und Empathie fähig ist.

Ein wenig mehr Achtung vor dieser extremen Ausprägung des High Tech und ein bißchen mehr Freude daran, an den richtigen Schrauben zu drehen (kein Doping, sondern das Beachten dokumentierter und einfach nachvollziehbarer physiologischer Zusammenhänge), und schon können wir uns über völlig kostenfreie und viel weiter reichende Verbesserungen unserer läuferischen Fähigkeiten freuen.

Und wo ist der Haken?

Man kann diese Art von High Tech nicht kaufen (sie ist damit auch für den Weihnachtsbaum ungeeignet), sondern muss sich alles erarbeiten. Hört man auf, dieses biologisch-technische Wunderwerk zu belasten, wird es schwächer und geht schließlich ein.

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