Die Genesis des Fersenläufers
Stichwort:

Kinder laufen anders

Wer Kinder laufen sieht, wird sicher viele große und kleine Unterschiede in ihren Bewegungen feststellen. Je nach Alter mangelt es vielleicht noch ein wenig an Effizienz oder Feinmotorik. Was jedoch selten zu sehen ist: der Fersenlauf. Kinder haben es meistens eilig; sie laufen nicht um des Laufens willen, sondern um des Ortes, den sie erreichen möchten. Sie kümmern sich auch nicht um Fragen des effizientesten Laufstils, sondern bewegen sich so, wie es ihr kleiner Körper erlaubt und am besten unterstützt.

Im Laufe des Heranwachsens lernen sie, ihr Ziel nicht immer rennend erreichen zu müssen, und fangen an, zu gehen. Dabei kommt üblicherweise auch die Ferse ins Spiel. Mit der Ferse aufsetzen heißt, eine schonende, den Fuß abrollende Bewegung zu vollziehen, was für eine langsame Fortbewegung absolut richtig ist. Sobald sie allerdings schneller werden, wird wieder der Mittel- oder Vorfuß eingesetzt, um das Ziel schneller erreichen zu können. Der Wechsel zwischen zwei Gang- oder Laufarten ist natürlich, wie man anhand von Trab und Galopp bei vielen Tierarten erkennen kann.

Wir verlernen zu rennen

Irgendwann ist es nicht mehr angemessen, wie ein Kind zu rennen, und wir lernen, würdevoll zu schreiten oder cool zu schlurfen. Wer nicht mehr darauf angewiesen ist, effizient (und damit so schnell wie möglich) ans Ziel zu kommen, wird auch nicht mehr von seinem Körper korrigiert. Bald gewöhnen wir uns ineffiziente Geh- und Lauftechniken an, drehen die Füße nach außen und watscheln oder machen große, bedeutungsvolle Schritte. Bei den Mädchen und Frauen sorgen Schuhe mit grotesk hohen Absätzen für einen unnatürlichen Gang. Später dann werden wir auch das Gehen immer mehr sein lassen, denn es gibt ja motorisierte Fortbewegungsmittel, denen wir uns anvertrauen.

Mit den typischen Herz-Kreislauf-Warnsignalen eines mangels Bewegung verfetteten Körpers landen wir irgendwann beim Arzt. Auf den Rat, uns doch ein wenig mehr zu bewegen, beschließen wir, mit dem Joggen anzufangen. Da es uns inzwischen wirtschaftlich einigermaßen gut geht, werden wir nicht an der richtigen Ausstattung sparen und in einem professionellen Laufshop neben guter Funktionskleidung auch ein paar optimal zu unserem Laufstil passende Schuhe erwerben.

Im Laufshop werden wir endgültig zu Fersenläufern

Was passiert, wenn wir uns einer Laufbandanalyse unterziehen?

  1. Damit wir uns nicht verletzen, startet der Verkäufer das Band mit langsamer Fußgänger-Geschwindigkeit (5 km/h).
  2. Wir gehen wie gewohnt auf der Ferse. Noch gibt es keinen Zwang zu rennen.
  3. Damit wir einen analysierbaren laufenden Schritt finden, steigert der Verkäufer die Geschwindigkeit langsam (es darf ja auch kein Unfall mit dem Kunden passieren) bis zu 10 km/h.
  4. Noch immer sind wir nicht gezwungen, richtig zu laufen, sondern können mit einem schlurfenden Schritt, welcher nach wie vor auf der Ferse aufsetzt, das Tempo zumindest eine kurze Zeit halten.
  5. Nun startet der Verkäufer die Videoaufnahme, die unseren Fußaufsatz von hinten zeigt.
  6. Wenn wir uns in der Zwischenzeit einen watschelnden Gang angewöhnt haben, rollt der Fuß zwangsläufig beim Aufsetzen über das untere Sprunggelenk nach innen, und zwar umso deutlicher, je mehr wir die Füße nach außen drehen.
  7. Fatalerweise weist uns der Verkäufer nicht darauf hin, dass dies eine fürs Laufen ungeeignete Fußstellung ist.
  8. Er sieht aber das Nach-innen-Kippen des Fußgelenks und weiß nun, dass wir einen stützenden Schuh brauchen.
  9. Ebenso messerscharf wird er uns in die Fersenläufer-Schublade stecken und einen Schuh mit stark gedämpfter Ferse und entsprechender Sprengung (Überhöhung der Ferse) heraussuchen.
  10. Mit diesen Schuhen an den Füßen ist es uns nun möglich, unsere Fehlstellung schmerzfrei (zumindest für die Fußgelenke) auf den kurzen Strecken, die wir anfangs joggen, durchzuhalten. Je nach Komfort des Schuhs wird es uns sogar angenehm erscheinen, in diesen speziell für unsere Füße ermittelten Schuhen zu laufen.
  11. Die Begriffe "Dämpfung", "Überpronation" sowie die Hersteller-spezifischen Tricks zur Unterstützung des Fußes (IGS = "Impact Guidance System", Abzorb und wie auch immer die verwendeten Techniken genannt werden) lernen wir schnell und können damit auch noch prima bei unserem Lauftreff fachsimpeln.

Und plötzlich ist das Laufen ungesund...

Viele Menschen, die auf diese Weise nie erfahren werden, dass sie eigentlich nie Fersenläufer waren, werden über viele Jahre hinweg beschwerdefrei laufen können. Diejenigen aber, die irgendwann einmal die langen Distanzen für sich entdecken, oder einfach nur schneller werden wollen, stellen möglicherweise im Laufe der Zeit fest, dass Laufen den Kniegelenken nicht gut tut. Selbstverständlich wirken sich falsche Belastungen stärker aus, je größer sie sind oder je öfter sie wiederholt werden. Weil diese Läufer aber immer optimal angepasstes Schuhwerk tragen, können sie kaum die Schuhe als Ursache ihrer Knie- oder später sogar Hüft- oder Rückenprobleme erkennen. Gerade weil die Schuhe jeden Schmerz von den Füßen fernhalten, erlauben sie einen für die weiter oben befindlichen Gelenke schädigenden Laufstil.

Die hier geschilderten Vorgänge der Entstehung von Fersenläufern basieren auf eigenen Erfahrungen, Erzählungen von Laufkollegen und einer abstrakten Ursachenanalyse.

Wir werden aber in den nächsten Wochen durch Testkäufe mit Laufbandanalyse verifizieren, ob und welchen Anteil die Berater in den Sportgeschäften an dieser verhängnisvollen Entwicklung haben.

Geplant sind 5 Besuche in Laufgeschäften im ersten Quartal 2011. Es wird dann jeweils anonymisiert anhand eines Gedächtnisprotokolls der Verlauf der Beratung beschrieben werden.

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