Demut
Stichwort:

Ein lauer Sommertag, früh morgens. Die Sonne ist schon raus, aber die Luft ist noch nicht zu warm. Ich laufe in mittlerem Tempo im Mittelgebirge; moderate Steigungen und Gefälle wechseln sich mit nahezu ebenen Wegen ab. Leicht nach vorne geneigt, scheint das Laufen so gar nicht anzustrengen. Ich genieße die vorbeiziehende Waldlandschaft.

Heute, fünf Monate später: der Winter hat Einzug gehalten. Schnee ist gefallen, viel Schnee sogar. Verdichtet durch Spaziergänger, aufgetaut durch kurze Phasen mit milder Witterung, wieder gefroren durch strenge Nachfröste, verdeckt durch Neuschnee. Eine tückische Grundlage, auf der ich unterwegs bin. Kein Schritt ohne Rutschen, die Neigung nach vorne hilft nicht viel, da sie das Rutschen noch verstärkt. Die Eleganz meines sommerlichen Laufs ist dahin, und ich schwimme auf dem unsicheren Grund. Bedenken drängen ins Bewusstsein, sie warnen mich vor möglichen Verletzungen. Erinnerungen an Lauffreunde, die es bei ähnlichen Verhältnissen geschmissen hat, verschlechtern meine geistige Verfassung.

Was passiert hier genau?

Ich bin unglücklich, weil ich vergleiche:

  • die Leichtigkeit des Sommerlaufs mit der Mühe von heute
  • den lockeren 4:30er Schnitt vor fünf Monaten mit der unbefriedigenden heutigen Pace von 7 Min/km
  • den weichen, lockeren Fußaufsatz im Sommer mit dem kraftraubenden Geschlitter auf zugeschneiten Schneewannen

Ich hatte mir vor dem Loslaufen etwas anderes vorgestellt, und jetzt bin ich schon nach 30 Minuten ziemlich erschöpft. Mein Ich will etwas, das aber unmöglich zu kriegen ist. Als Läufer bin ich doch gewohnt, durch eigenes Zutun etwas zu verbessern; nichts anderes ist Inhalt und Ziel meines Trainings, dessen Erfolg ich gerne mitttels Vergleich feststelle. Heute aber fallen alle Vergleiche schlecht aus. Ich habe einfach die falsche Basis für meinen Vergleich gewählt. Vielleicht habe ich auch einfach nur den Fehler gemacht, überhaupt etwas miteinander zu vergleichen.

Vielleicht hätte ich ja große Freude...

...wenn ich mein forderndes Ich loslassen und in Demut anerkennen könnte, dass die Landschaft und das Wetter einfach viel viel größer sind als ich! Vielleicht könnte ich dann auch folgendes wahrnehmen:

  • es ist ein schöner Wintertag
  • ich kann aus eigener Kraft lange Strecken laufen: 12 km in unter 90 Minuten ist ja nicht gerade nichts
  • ich beherrsche geschickt schwierigstes Terrain
  • ich bin neugierig und experimentierfreudig und passe meine Bewegungen ständig den herausfordernden Bedingungen an
  • ich habe kein mentales Problem damit, meine Geschwindigkeit jederzeit auch verringern zu können
  • ich liebe das Laufen, weil es mir die Chance gibt, mir selbst so nah zu sein

Ich verspreche hiermit, ab sofort keine unzulässigen Vergleiche mit besseren Bedingungen mehr zu ziehen, und vielleicht wird schon der nächste Lauf einer meiner schönsten...

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