Intelligente Füße
Laufen im Wald auf Schnee

Irgendwie hatte ich gestern mal wieder Lust auf ein paar Runden im nahe gelegenen Wald. Eine Runde ist knapp 5km lang, und je nach Lust und Laune laufe ich meistens 2, 3 oder 4 Runden. Wegen der gefährlichen Verhältnisse hatte ich den Wald in den letzten Tagen gemieden: es gibt dort nur noch einen schmalen Pfad aus festgetretenenem Schnee mit unzähligen Wannen, deren Ränder von den harten Sohlen der Winterschuhe der Spaziergänger an vielen Stellen eisig poliert sind. Links und rechts des schmalen Pfads befindet sich ein breiter Saum aus verharschtem tieferem Schnee, in dem man mehr als knöcheltief einsinkt.

Ich war unterwegs mit den FiveFingers Flow Trek, da diese einen guten Kompromiss zwischen Barfußlaufen, Sohlen-Griffigkeit und Kälteschutz darstellen. Schon auf den ersten 300m wurde klar, dass der Pfad ausgesprochen gefährlich war: vom Ausrutschen über das Umknicken mit allen negativen Folgeerscheinungen war alles möglich. Da ich mir vor ein paar Tagen in Demut vorgenommen hatte, meinen Willen nicht mehr dem Weg aufzuzwängen, sondern meinen Lauf den Gegebenheiten des Weges anzupassen, lief ich zunächst eher langsam, setzte die Füße weich und sehr passiv auf und achtete darauf, dass sie während der gesamten - wenn auch kurzen - Bodenkontaktzeit einen innige Verbindung zum Untergrund bekamen. Mit den relativ harten Sohlen klassischer Trailschuhe hätte ich nur die Chance gehabt, die Schneewannen niederzukämpfen; mit der ausreichend weichen Sohle der FiveFingers aber konnten sich meine Füße den Wannen anpassen, auch wenn das bei jedem Schritt einen anderen Gelenkwinkel für das obere und untere Sprunggelenk bedeutete.

Füße als Hafties

Nach der ersten halben Runde hatte ich einen merkwürdigen Gedanken:

Was wäre, wenn unsere Füße nicht primär der Vorwärtsbewegung dienten,
sondern lediglich dazu, eine belastbare Verbindung zum Boden herzustellen?

In diesem Fall wäre jegliches Abrollen verkehrt, denn Abrollen bedeutet ja, immer nur einen Teil des Fußes am Boden zu haben, was die Standsicherheit erheblich einschränkt. In der klassischen Lauftechnik kommt den Füßen darüberhinaus noch die Aufgabe zu, den Vortrieb zu verstärken, indem sie sich aktiv vom Boden abdrücken, was gerade bei den aktuellen winterlichen Bodenverhältnissen zu einem sofortigen Wegrutschen geführt hätte.

Bei meinem gestrigen Lauf habe ich - bewusster als jemals zuvor - die im ChiRunning übliche Technik des vollflächigen (aber aufgrund der Bodenbeschaffenheit nie ebenen) Fußaufsatzes genutzt und dabei von Runde zu Runde mehr Sicherheit auf diesem gefährlichem Untergrund bekommen. Am meisten hat mich aber fasziniert, dass die Leistung der Füße, sich mit jedem Schritt einer anderen Neigung und Bodenform anzupassen, immer weniger bewusst herbeigeführt werden musste. Es fühlte sich ungeheuer gut an, dass die Füße diesen Untergrund immer besser zu nehmen wussten oder mit anderen Worten: dass die Füße das Management des Bodenkontakts immer mehr in Eigenregie erledigten *).

Die dritte und letzte Runde schließlich fühlte sich schon fast an wie auf ebenem Grund. Schöner Nebeneffekt: das Laufen strengte mich von Runde zu Runde weniger an, während die 5km-Runden immer schneller wurden:

  1. 24:20 Min
  2. 23:16 Min
  3. 22:55 Min

Hat die Evolution Verbinder oder Abroller entwickelt?

Ich halte es für denkbar und logisch, dass unsere Füße mit all ihren Gelenken, Sehnen, Bändern und Muskeln viel eher dazu geschaffen sind, eine kurzzeitige, aber wegen ihrer Flexibilität extrem stabile Verbindung zum Boden einzugehen, als mit ihren vergleichsweise kurzen Muskeln für Vortrieb zu sorgen. Ich denke mir, dass die unebenen Untergründe, auf denen unsere Vorfahren vor tausenden von Jahren liefen, unsere Füße evolutionär eher zu Verbindern als zu Abrollern werden ließen. Natürlich weiß ich auch, dass wir in den letzten Tagen der Menschheitsgeschichte unser Umfeld extrem verändert haben und nun über harte, ebene Straßen verfügen, auf denen das von speziellen Schuhen optimal unterstützte Abrollen vielleicht die schnellere Fortbewegung ermöglicht. Unabhängig davon halte ich es für einsehbar, dass wir am wenigsten orthopädische Probleme haben, wenn wir unseren Körper so benutzen, wie er von der Evolution geformt wurde.

Mir ist bekannt, dass einige im Sportbereich tätige Orthopäden davor warnen, barfuß auf harten Untergründen wie Asphalt zu laufen, weil der Fuß eher für weichere Untergründe geeignet sei. Wer aber schon mal barfuß im Wald gelaufen ist, wird feststellen, dass der Fuß viel mehr leisten muss, wenn er auf unebene, zum Teil harte Bodenteile wie Stöckchen, Steine, Nüsse und ähnliche Erhebungen trifft. Dagegen mutet das barfüßige Laufen auf Asphalt fast schon samtweich an!

*) Natürlich sind es nicht die Füße selbst, die den Umgang mit wechselnden Bodenbeschaffenheiten lernen, sondern das Gehirn mit seiner Abbildung des Körperschemas im Scheitellappen, dem prozeduralen Gedächtnis, den Basalganglien und dem Kleinhirn. Nichtsdestotrotz fühlt es sich so an, als würden die Füße selbst lernen, auf schwierigem Terrain zu laufen, da es immer weniger konzentrierte Absicht und wahrnehmbare Anstrengung erfordert.

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