Kürzer treten!
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Ich ärgere mich - öfter als mir lieb ist - über negative Ereignisse und bin sehr enttäuscht, wenn sie mich von einem geplanten Weg abbringen. Wenn ich dann darüber nachdenke, welche Alternativen mir bleiben, kommt es ab und zu einmal vor, dass mich eine Alternative viel glücklicher macht als es die Erreichung des ursprünglichen Ziels jemals vermocht hätte.

Bei mir hat sich jetzt wieder ein solcher Glücksfall ergeben, als ich in Folge einer ärztlichen Behandlung keinen anstrengenden Sport machen durfte. Der Marathon am 22. Mai 2011 in Hamburg hatte sich damit erledigt, was mich ziemlich enttäuschte. Leichtes Joggen hatte der Arzt jedoch ausdrücklich erlaubt.

Zufällig hielt zur gleichen Zeit ein ehemaliger deutscher Spitzenläufer einen spannenden Vortrag zum Thema Laufen, der viele wichtige Aspekte wie Trainingsaufbau, Belastungssteuerung, Renntaktik und vieles mehr beleuchtete. Einmal mehr wurde deutlich, wie wichtig das Training im niedrigen Belastungsbereich ist.

Und plötzlich passte wieder alles zusammen:

  • Die Notwendigkeit, in den nächsten 2-3 Wochen höhere Belastungen zu meiden.
  • Der positive Trainingseffekt zwar längerer, aber wenig belastender Laufeinheiten.
  • ChiRunning als Laufmethode mit minimaler Belastung.
  • Eine Videoanalyse einige Wochen zuvor, deren Erkenntnisse nun plötzlich wichtig wurden.

Die Videoanalyse zeigte, dass ich den Fuß noch immer tendenziell vor dem Körperschwerpunkt aufsetze. Ich war jedoch damals - aus heutiger Sicht unbegreiflich - ganz zufrieden mit meinem Fußaufsatz, zumal er sich keineswegs nach mangelnder Effizienz anfühlte. Nun aber musste ich - wollte ich nicht gegen den ärztlichen Rat handeln - viel weniger Energie einsetzen. So wenig wie nie zuvor in meinem Leben.

Die ersten Meter mit (noch) weiter hinten aufsetzendem Fuß fühlten sich an, als würde ich gleich nach vorne umfallen, obwohl meine Neigung nur gering war. Es war vielmehr die Beschleunigung nach vorne, die mich irritierte. Gleichzeitig verkürzte sich spürbar die Bodenkontaktzeit und meine Beine wurden stärker nach hinten weggezogen. Dadurch rotierte das Becken stärker und der Schritt wurde länger, was die Laufgeschwindigkeit erhöhte. All diese Folgen kamen schlagartig, nachdem ich geschätzte 3-5 cm weiter hinten mit dem Fuß aufsetzte. Mehr Kraft wurde dadurch nicht benötigt, was ich daran merkte, dass ich nach wie vor problemlos durch die Nase atmen konnte.


Gut: Fußaufsatz unter dem Schwerpunkt (linkes Bild)


Schlecht: Fußaufsatz vor dem Schwerpunkt (linkes Bild)

Die vielen Änderungen, die sich aus der kleinen Verschiebung des Fußaufsatzpunktes ergaben, veränderten mein ChiRunning in einer Weise, die man am besten mit der wundersamen Wandlung einer Fremdsprache in eine Muttersprache vergleichen kann. Plötzlich war alles, was ich im Buch gelesen hatte, so selbstverständlich und direkt körperlich wahrnehmbar, dass es keines Denkens mehr bedurfte, um die positiven Wirkungen des ChiRunning zu verstehen. Nicht, dass ich die Technik bisher falsch anwendete oder nur für schnellere Wettkämpfe erlernen wollte. Ganz im Gegenteil: mir war vom ersten Lesen des ChiRunning Buchs klar, dass hier der Schlüssel zum ergonomischen, freudvollen und effizienten Laufen lag. Meine Erfahrungen damit waren immer positiv und angenehm. Was mir aber jetzt passiert war, hatte eine gänzlich andere Qualität, eben so wie wenn eine angenehme Fremdsprache plötzlich zur Muttersprache wird.

Ich habe seitdem ohne Anstrengung in moderatem Tempo Strecken bis zu 30 km zurückgelegt. Ich begreife aber nur langsam, wie ich am Ende solch langer Läufe noch immer das Gefühl haben kann, gerade erst losgelaufen zu sein.

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