Natürlich laufen lernen

Wir Menschen sind die einzigen Tiere, die im Erwchsenenalter wieder lernen müssen, wie man sich fortbewegt, nachdem wir aus noch näher zu untersuchenden Gründen unsere natürliche Art zu laufen verlernt haben.

Dramatischerweise leiden viele von denen, die Laufen nicht systematisch gelernt haben, unter allerlei Beschwerden. Und auch diejenigen, die es nach der einen oder anderen Methode gelernt haben, sind nicht frei von Verletzungen oder Dysbalancen.

Warum aber fällt es uns so schwer, gerade das vermeintlich einfache, angeborene, natürliche richtig zu machen? Beim Essen haben wir doch auch nicht solche Probleme. Oder etwa doch?

Wenn wir all unser Essen mahlen und zu einem Brei verkochen würden, was würde dann wohl mit unseren Zähnen passieren? Richtig: sie würden locker werden und schließlich ausfallen.

Das Laufen, wie es unsere Natur ist, über Stock und Stein, mal langsam, mal schnell, vor allem aber ohne Schuhe, unmittelbar abgeschaut von den Schnellsten der Gemeinschaft, könnte sicher unsere unteren Extremitäten ein Leben lang fit und robust halten.

Was machen wir stattdessen? Wir laufen auf glatten Wegen mit dicken, warmen Schuhen, und können nicht fühlen, wann wir etwas falsch machen. Oder merken es nur, wenn wir für Wettkämpfe trainieren und deshalb Intensität oder Umfang stark erhöhen. Wir merken dann an unseren Gelenken, Sehnen und Muskeln, dass irgendwas nicht stimmt. Aber wir merken es erst, wenn wir die falsche Bewegung oder Belastung schon lange praktiziert haben. Anders als beim ungeschützten Laufen können wir fast jeden beliebigen Fehler machen, ohne ihn genau so unmittelbar zu spüren wie der Barfußläufer den Schmerz wahrnimmt, wenn er mit der Ferse auf einen spitzen Stein trifft, und sofort merkt, dass der Fersenlauf nicht körpergerecht ist.

Im übertragenen Sinne laufen wir so wie wenn wir ausschließlich den zerkochten Brei essen würden. Unsere Essgewohnheiten garantieren den Zahnärzten ein sorgenfreies Leben.
Unsere Laufgewohnheiten ernähren die Lauf-Gurus und deren Gemeinden.
Auch mein persönlichliches Lauf-Pantheon kennt solche Lichtgestalten, die uns das richtige Laufen beibringen:

Ich schätze all diese Autoren und Trainer, weil sie versuchen, uns eine verloren gegangene Fähigkeit wieder zu vermitteln. Jeder Autor tut dies auf seine eigene Weise, die seinem eigenen Weg entspricht und dadurch mehr oder weniger übertragbar ist. Dennoch würde ich jederzeit alle meine Lauf-Bücher gegen einen erfahrenen "naturbelassenen" Läufer in meiner Gegend eintauschen, aber ich bin weit und breit der einzige, der das Wagnis Barfußlaufen eingeht.
Wenn ich - wie gestern - mit einem Freund (er lief in Schuhen) eine Stunde im Wald und über Wiesen laufe, komme ich mir entsetzlich langsam vor, weil ich viele ganz kurze Tippelschrittchen machen muss, damit ich einigermaßen erträglich über die Myriaden harter Eicheln und scharfkantiger Bucheckern komme, die zur Zeit den Boden bedecken. Ich würde mir gerne von einem langjährigen Barfußläufer aus nächster Nähe abgucken, wie er solch einen Untergrund nimmt. Ein natürliches Lernen über Anschauung und Nachahmung geht halt weder über Bücher noch via YouTube. So bleibt mir nur übrig, intensiv auf meinen Körper zu hören, viel auszuprobieren und mir die angenehmsten, leichtesten Bewegungen anzugewöhnen.

Am Schluss bleibt noch die Frage, warum ich es mir eigentlich antue, den weiten und im wahren Wortsinn steinigen Weg zurück zur Natur zu gehen:

  • Weil ich einfach keine Lust mehr habe, mich von vermeintlichem High Tech verarschen zu lassen, sondern spüre, dass ein menschlicher Körper sogar in der heutigen Zeit (in der wir Verhalten und Weltbild in einem Akt freiwilliger Knechtschaft dem unterordnen, was die Entwickler von Social Media und mobilen Endgeräten für das Leben halten), in der Lage ist, seine Kernkompetenz im Bereich der Fortbewegung wiederzubeleben.
  • Weil ich spüre, dass diese sehr natürliche Art der Fortbewegung all meinen Gelenken unwahrscheinlich gut tut.
  • Und weil all dem ein gewaltiges Wachstumspotenzial innewohnt, wenn meine Fußsohlen Woche für Woche besser mit dem Untergrund zurechtkommen.

Traurig nur, dass ich dabei wirklich ganz alleine bin.

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