Willkommen im Parallel-Universum!
Stichwort:

Die Vorstellung, in der selben Welt zu leben wie mein Gegenüber, ist eine der wenigen Gemeinsamkeiten der beiden Welten, in denen wir leben.

Gewiss, dieser Fußgänger kommt mir auf dem selben Weg entgegen, den ich für meinen heutigen Lauf gewählt habe. Aber er ist ein Fremdkörper in meiner Welt, von der er so gar nichts wahrzunehmen scheint. Er beschäftigt sich mit seinem Handy. Tippt irgendwelches Zeug ein, vermutlich bewegt er sich auf den von seinem sozialen Schleppnetzwerk vorgesehenen Interaktionspfaden, oder schreibt eine SMS mit sinnlosen Informationen an einen nicht wirklich guten Freund.

Ich will diese Oberflächlichkeiten nicht, die aus Menschen Abziehbilder machen. Bin begeistert von Rebellen wie dem Internet-Pionier Jaron Lanier und dessen Buch "You are not a Gadget" (in Deutsch: "Gadget: Warum uns die Zukunft noch braucht"), in dem Skepsis, Eigenständigkeit und Verantwortung wichtiger sind als die blinde Verherrlichung einer uns steuernden Technik, deren Ziele nicht unsere sein können. Ich versuche, nicht in der Scheinvielfalt synthetisch-industriell gefertigter Billigst-Produkte (es lebe die Bobbycar-Welt: eine leere Hülle, die viel Lärm macht) auf- und dadurch unterzugehen. Und doch: ohne die erschreckende Vision einer zwangshedonistischen Menschheit in den Händen globaler Rattenfänger hätte ich sicher nicht eine so deutliche Wende gemacht in Richtung "Lass die Finger von Technik, die dich schwächt!". Ich habe den glücklichen Handyglotzern und ruhelosen App-Sammlern einen großen Teil meiner wiedergewonnenen, ursprünglichen Lebensfreude zu verdanken!

Mein Gegenüber und ich sind inzwischen aneinander vorbeigelaufen. Ich habe ihn bemerkt, er mich nicht. Jedenfalls in meiner Welt, oder? Mir kommt der Verdacht, dass mein Kopfkino unrecht haben könnte. Ich folge einem Impuls und drehe um. Spreche ihn an. Frage ihn, ob er den Wald um ihn herum überhaupt bemerkt und mich - den Läufer, an dem er gerade vorbeigelaufen ist. Es drängt mich, ihm zu erklären, warum ich ihn anspreche. Er wirkt verdutzt und sicher auch ein wenig überfordert. Dann gibt er mir in gebrochenem Deutsch zu verstehen, dass er mich nicht versteht. Doch seltsam: jetzt, wo es keinen Zweifel mehr daran geben kann, dass wir beide in getrennten Welten unterwegs sind, habe ich plötzlich den Eindruck einer Verbindung: er lächelt mich verschämt an, weil er mir nicht helfen kann, und ich lächle verschämt zurück, weil ich ihm nicht helfen kann.

Beim Weiterjoggen wird mir klar: für einen kurzen Moment lebte jeder von uns auch im Universum des anderen.

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