Was mir der Wal erzählte
Stichwort:

Ganabtizionarellucia, das Belugawal-Weibchen, mit dem ich mich eine Stunde lang unterhalten durfte, brachte es fertig, meinen Blick für Selbstverständlichkeiten einmal so gründlich zu verschieben, dass ich davon unbedingt berichten muss.

Ganabtizionarellucia hat deshalb einen so langen Namen, weil Wale sehr sehr viel Zeit haben und einen einzigartigen Namen, mit dem sie innerhalb der Familiengeschichte bekannt sind. Diese reicht tausende Generationen zurück, und jeder Wal kennt sie in Gänze. Sie hat mir aber erlaubt, sie Gana zu nennen, weil das für mich einfacher ist. Das komplizierte Muster, nach dem die Wal-Namen gebildet werden, wollte sie mir erst gar nicht zumuten.

Quelle: Wikipedia

Gana fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, in einem Medium zu leben, das eine ähnliche Dichte aufweist wie mein eigener Körper, und sich deshalb als Antriebsmaterie eignet, mit der und gegen die man sich bewegt, um vorwärtszukommen. Sie würde uns gerne das wohlige Gefühl vermitteln, von seinem Medium vollständig eingeschlossen und darin geborgen zu sein. Wale schweben im Wasser und können dabei vollständig entspannen, anders als der von uns so bewunderte Bussard im Aufwind, der sich zwar auch kaum zu bewegen scheint, aber sofort abstürzen würde, wenn er alle Muskeln entspannen würde.

Wale bewegen sich fort, in dem sie ihren Körper verformen. Wir denken immer, die Bewegung der Fluke (vergleichbar mit unseren Beinen) und der Seitenflossen (analog: unsere Arme) würde die Hauptarbeit leisten, ähnlich wie bei einem Taucher. Gana machte mir klar, dass bei den Walen wie auch bei den Fischen der ganze Körper mit dem Medium spielt. Kleinste Strömungen werden von der Haut registriert, beurteilt, mit dem ganzen Körper aufgenommen und genutzt, um in einer ganzheitlichen Bewegung mit einer selbst für unsere modernsten Boote absolut unerreichbaren Effizienz in Vortrieb umgesetzt zu werden.

Wenn Gana Menschen auf Schiffen laufen sieht, bedauert sie uns, weil wir für einen so wunderbaren Vorgang wie die Fortbewegung nur eine winzig kleine Fläche zur Verfügung haben, über die wir mit unserem Medium - dem Boden - kommunizieren. Jetzt konnte ich ihr erklären, dass wir zum Ausgleich mit anderen Körperteilen, vorzugsweise den Händen, während der Bewegung noch ganz andere Dinge tun können. Obwohl ich davon abgesehen habe, ihr von der Benutzung von Smartphones zu berichten, ahnte sie etwas und fragte mich, wozu es denn gut sei, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu können. Sie könne sich vorstellen, dass darunter das Insichsein (ich übersetze das jetzt nicht) und die damit verbundene Freude leiden würde. Ich entgegnete, man könne dadurch viele Dinge schneller erledigen, worauf ich mir die Frage gefallen lassen musste, warum wir denn Dinge "erledigen" müssen, so wie man seine Feinde "erledigt".

Mir wurde klar, dass wir an diesem Punkt ankommen mussten, weil Gana ohne jede ideologische Brille den relativen Wert all unserer menschlichen Errungenschaften erkannte. Nicht dass damit wundervolle Werke wie große Literatur oder Musik, Bauwerke und die Raumfahrt entwertet werden sollen, aber die grausamen Folgen unseres Wirkens für "unseren" Planeten lassen doch die Gesamtbilanz menschlicher Aktivitäten eher als Totalpleite dastehen. Was unterm Strich bleibt, ist die Hoffnung des Planeten, via von Menschen gebauter Raumschiffe einmal Leben auf andere Planeten übertragen zu können, bevor ein "Großer Zerstörer" im Rahmen einer kosmischen Katastrophe alles Leben auf der Erde auslöschen wird; immerhin ist ein solcher Zusammenstoß nicht so ganz unrealistisch, da er sich nach aktuellen Erkenntnissen in kleinerem Maßstab vor ca. 65 Mio. Jahren ursächlich für die Ausrottung vieler Dinosaurier-Arten ereignet hat. Leider muss man diesem die Existenz des Menschen als zielgerichtet und sinnvoll erachtenden Szenario entgegenhalten, dass Exoplaneten mit Verhältnissen, die einen "Export" der Lebensformen unserer Erde ermöglichen würden, für uns auf absehbare Zeit nicht erreichbar sind. Außerdem sind bislang alle Versuche gescheitert, Systeme (man braucht Biospären-Raumtransporter für den Export) längere Zeit autark am Leben zu halten. Nüchtern betrachtet ist die sinnvollste Lebens-Export-Alternative gerade durch den Einschlag von Meteoren und das Herausschleudern von Kollisionsbrocken zu sehen, die primitivste Lebensformen mitreißen, welche ihren Star Trek auch im tiefgefrorenen Zustand "überleben"; vielleicht hat ja unser Leben genau so begonnen...

Uff, der Ausflug war lang und hatte auch nichts mehr mit meinem Gespräch mit Gana zu tun, mir sind eben nur beim Reflektieren ein wenig die Gäule durchgegangen. Was ich von Gana mitgenommen habe, ist die Erkenntnis, dass man sein Fortbewegungs-Medium achten sollte. Bei Gana ist es das Wasser, bei uns Menschen einfach nur der Boden, auf dem wir laufen. Wir sollten ihn nicht mit harten, schweren Schuhen niedertrampeln, sondern mit blanken Füßen streicheln und dankbar sein, dass es ihn gibt. Ich bin fest davon überzeugt, dass alle Barfuß-Läufer (zu denen ich mich mittlerweile auch zähle) früher oder später anfangen, eine intensive Beziehung zum Boden aufzubauen und ihn zu lieben. So wie Gana ihren Ozean.

Weiter zum Blog-Artikel: Lohnt der Weg?
Zurück zum Blog-Artikel: Willkommen im Parallel-Universum!
Nach oben
Die Tagcloud zeigt alle in den Beiträgen markierten Begriffe an, die insgesamt mindestens 25 mal verwendet wurden. Je größer ein Begriff erscheint, desto öfter wurde er insgesamt verwendet.
Die Intensität der Farbe rot zeigt an, wie oft ein Begriff im gerade anzeigten Beitrag verwendet wird.
Der Klick auf einen Begriff führt zur Tag-Suche.
Alle Begriffe sind in der großen TagCloud zu sehen.
achillessehne arm asphalt aufprall ballen barfuß bein belastung bewegung boden bodenkontakt buch chirunning druck dämpfung eis energie erfahrung feder ferse fivefingers form freude fuß fußaufsatz fußsohle fähigkeit füße gefühl gelenk geschwindigkeit gewicht haltung haut heggie hüfte kalt kamera knie kopf kraft körper lauf laufen laufstil leben läufer marathon mensch methode muskel natur neigung reiz rücken sandale schmerz schnee schnell schotter schritt schuh schulter schwerkraft sehne sohle sole runner spaß stein strecke technik tempo training uhr untergrund unterschenkel verletzung vorfuß vortrieb wade wahrnehmung wald wasser weg weich welt wettkampf zehen zeit ziel überlastung
Beiträge
Nach oben