Lohnt der Weg?
Stichwort:

Ich sitze im Zug. Um mich herum Menschen im Business Dress. Selbst habe ich "Casual" an, weil mein Termin ein Firmen-interner ist und meine Firma es den Mitarbeitern erlaubt, sich ungezwungen zu kleiden. Was dennoch die Blicke der Mitreisenden auf sich zieht, sind meine nackten Füße: sowas ist ungewöhnlich im ICE, vor allem bei Außentemperaturen von ca. 5 Grad.

Für mich "Exoten" ist es allerdings nicht mehr ungewöhnlich, weil ich mit einer gewissen Konsequenz das Laufen ohne Schuhe betreibe. In der Wohnung habe ich schon seit nahezu einem Jahr weder Socken noch Schuhe an, und obwohl der Fußboden im Winter ziemlich kühl war, habe ich mich seitdem nicht erkältet. Nicht selten hatte ich unangenehm kalte Füße. Den seit frühester Kindheit eingeimpften Aberglauben "Du hast kalte Füße? Dann wirst du krank!" habe ich so lange trotzig durch den Gedanken "Na und? Dann ists halt so. Aber Tiere tragen ja auch keine Schuhe und werden nicht krank!" bekämpft, bis ich das Gefühl in den Füßen nicht mehr als kalt, sondern eher als "kühl, aber nicht unangenehm" empfand.

Man kann das tatsächlich lernen.

Im Gegenzug freue ich mich darüber, mit den Folgeerscheinungen des Schuhe Tragens wie Schweißfuß, Hühnerauge oder Fußpilz genau so viel zu tun zu haben wie ein Tiefseefisch mit Sonnenbrand.

Mir ist inmitten der mitreisenden Business Men nach einer Positionsbestimmung zumute: wie weit mag ich auf dem Barfuß-Weg wohl schon gekommen sein? Was liegt noch vor mir? Hat es sich gelohnt und kann ich ihn auch anderen Menschen empfehlen?

Ich schaue zurück und kann berichten über:

Wenn ich jetzt meine Ziele nenne, um abschätzen zu können, wie weit der Weg noch sein mag, erlaube ich mir ebenso großzügig wie optimistisch folgende Formulierungen für mein Barfußlaufen:

Ich möchte einen Städte-Marathon in 3:15 laufen und anschließend keine wundgelaufenen Sohlen haben.
Ich möchte einen 10km Strassenlauf in 38 Minuten zurücklegen und keinen Wadenmuskelkater haben.
Ich möchte 25 km im Mittelgebirge laufen, ohne dass die Sohlen bis zum Abend brennen.
Ich möchte auf Schnee eine Stunde laufen können, ohne einen Frostschaden zu erleiden.

Die Straßenläufe könnten einen Beleg liefern für eine gute Toleranz langer oder hoher Belastungen, die Bergtour und der Schneelauf sollen der Beweis dafür sein, dass meine Füße ein "tierisches" Niveau erreicht haben. Niemand würde sich über einen Husky wundern, der stundenlang im Schnee rennt. Warum soll das ein barfüßiger Mensch nicht auch können?

Und wo stehe ich jetzt? Obwohl ich mich beim Barfußlaufen ganz und gar "zu Hause" fühle, fehlt es doch noch sehr an der Anpassung der Fußsohle. Sie braucht einfach Zeit, um noch viel stärker und robuster zu werden. Und den Zehen fehlt es an Kraft und stark durchbluteten Muskeln, damit sie auch kalte Böden länger ertragen können, ohne taub zu werden. Beides - Sohle und Zehen - hat sich im Zuge der 275 Barfuß-Kilometer in wunderbarer Weise weiterentwickelt; ich vermute aber, dass ich noch weitere 1.000 km ohne Schuhe laufen muss, bis alle Teile des Fußes in der Lage sind, die gesteckten Ziele zu erreichen.

Meine Antwort auf die Frage, ob sich der Weg lohnt, ist daher: uneingeschränkt ja, wenn man sich Zeit lässt. Wer zu schnell viel erreichen will, erreicht schnell nur viel Frust. Wer aber dem Körper die Zeit zur Anpassung gibt, erlebt Wachstum auf vielen Ebenen.

Frischt eure Tetanus-Schutzimpfung auf, damit ihr und eure Angehörigen nicht durch ängstliche Gedanken blockiert werdet und probierts einfach aus! Ihr werdet es lieben...

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