Eis für die Kinder
Stichwort:

Neulich nach dem abendlichen Tempotraining mussten noch schnell ein paar Lebensmittel eingekauft werden. Luxus pur, dass der Lebensmittelmarkt noch offen hatte, und weil er nur 800m von zu Hause entfernt liegt, beschloss ich - noch warm vom Tempotraining - dorthin zu joggen.

Auf dem Parkplatz vor dem Lebensmittelmarkt standen zwei Frauen neben einem Auto, dessen Motor lief. Ich dachte nichts Böses und ging in den Laden. Alles in allem wird es wohl ca. 10 Minuten gedauert haben, bis ich wieder draußen war, und siehe da: das Auto lief immer noch, und die zwei Frauen waren nach wie vor in ihr Gespräch vertieft.

Mag sein, dass man als Läufer eine empfindlichere Nase hat, da man auf den Laufstrecken mit vielerlei Gerüchen konfrontiert wird. Da meine Strecken überwiegend durch die Natur führen, sind die Gerüche auch meist natürlichen Ursprungs und angenehm, auch wenn manchmal ein Güllehaufen am Feldrand eifrig stinkend vor sich hindampft. Autoabgase muss ich jedenfalls nicht oft beim Laufen einatmen, und darüber bin ich sehr froh.

Anders war dies jetzt auf dem Parkplatz: das Auto hatte in den 10 Minuten seit der letzten Begegnung doch einiges an Sprit verbrannt, und ich musste dem inneren Zwang folgen, die beiden Frauen anzusprechen:

Eis für die Kinder

Ich fragte vorsichtig: "Der Motor läuft jetzt doch sicher seit 10 Minuten, können Sie den nicht bitte ausmachen?"
"Sie haben ja recht, ökologisch ist das völlig inkorrekt, aber ich habe Eis für die Kinder im Auto und das soll nicht warm werden!", erwiderte die eine der beiden Frauen, und ergänzte: "Wir stehen ja auch nur noch hier, weil ich meine Arbeitskollegin getroffen habe, und wir noch zu Ende reden wollten.". (Das ganze ist fast wörtlich wiedergegeben).

Die Argumentation war so überzeugend, dass ich nichts mehr erwidern konnte.

Eis für die Kinder! Wer könnte etwas dagegen haben, den lieben Kleinen diesen Herzenswunsch zu erfüllen. Alle Kinder lieben Eis, und auch mancher Erwachsene schleckt gerne mal die kalte Süßigkeit. Ich nehme mich da nicht aus! Da ist es doch nur verständlich, dass das Eis auch fest bleiben soll, sonst verwandelt es sich ja in eine unappetitliche wenn auch gut schmeckende Pampe. Nein, bloß das nicht! Dann lieber die Klimaanlage das Eis kühlen lassen!

Die Kommunikation mit unseren Mitmenschen ist auch ein hohes Gut. Wie wichtig ist es, sich gut mit den Arbeitskollegen zu verstehen. Niemals würde ich diesen Prozess unterbrechen wollen.

Ganz entwaffnet wurde ich durch das einleitende Geständnis, dass der so lange laufende Motor ökologisch inkorrekt sei. Das war perfekt formuliert und weniger als zustimmen hätte ich da nicht können. So ist das also: meine Gesprächspartnerin gibt mir zu verstehen, dass sie auf meiner Seite steht und die böse Tat sicher niemals wiederholen wird. Sie begründet dann die Ausnahme und mir bleibt nur übrig, mich mit meinen Lebensmitteln nach Hause zu trollen.

Das Bedrückendste an der Geschichte ist nicht, dass sie wahr ist. Viel schlimmer ist die Allgegenwart des dahinter stehenden Musters: wir haben perfekt gelernt, unser Fehlverhalten so nett darzustellen, dass wir immer die Guten sind. Man sollte uns die Generation Föhn nennen: viel heiße Luft, aber sonst nichts dahinter. Verantwortung beginnt tatsächlich erst, wo das Schönreden aufhört. Bei uns selber!

Zu schade, dass mir das nicht auf dem Parkplatz eingefallen ist...

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