In Auflösung begriffen
Stichwort:

Was es alles nicht gibt

Pianisten, die Konzerte in Boxhandschuhen geben.

Uhrmacher, die Armbanduhren mit Hammer und 10er Gabelschlüssel reparieren.

Pathologen, die für Gewebeuntersuchungen Leselupen benutzen.

Was es nicht alles gibt

Autofahrer, die ihre Wahrnehmung und Motorik mittels Promille vergröbern. Hoffentlich die Ausnahme!

Angestellte, die stundenlang auf Bürostühlen sitzen, die die Eigenwahrnehmung der Rückensensoren einschläfern. Und dann - weil sie sich nicht bewegt haben - über Rückenschmerzen klagen. Leider eher die Regel als die Ausnahme!

Läufer, die Laufschuhe mit Dämpfung und Stütze tragen, durch die der Fuß zu einem weitgehend passiven Körperteil gemacht wird. Ohne Zweifel die Regel!

Perlende Klavierläufe

Die Auflösung machts

Sowohl bei der Aufnahme von Außenreizen als auch bei der Steuerung der Reaktion auf diese Reize ist eine zu niedrige Auflösung verheerend, denn:

  • Wer nicht genau wahrnimmt, worauf er reagieren muss, kann nicht angemessen handeln.
  • Wer seine Reaktion nur unzureichend steuern kann, kann ebenfalls nicht angemessen handeln.
  • Ganz arm dran sind jene, die Reize zu undifferenziert wahrnehmen und dann auch noch Probleme bei der Steuerung der Reaktion haben.

Thema dieses Blogs ist das Laufen, also geht es hier um die Fähigkeit, differenziert (= mit hoher Auflösung) auf Reize zu reagieren.
Reize kommen von außen (unebener Boden, wechselnde Verhältnisse,... ) und drücken auf den Fuß. Reize kommen aber auch von innen (Propriozeption) und informieren uns über so wichtige Zustände wir Gelenkswinkel, Muskeldehnung, Sehnenspannung, Lage im Raum und viele weitere.

Je feiner unsere Wahrnehmung, umso besser sind wir in der Lage, angemessen zu reagieren, oder umgekehrt: wer in dicken steifen Schuhen läuft, bekommt eine Bodenunebenheit bestenfalls als Drehimpuls gegen den gesamten Fuß mit, kann aber nicht (wie ein Läufer mit weichen Schuhen) die Unebenheit durch ein Nachgeben z.B.: im Ballenbereich kompensieren. Beim Dickschuhläufer geht der Drehimpuls weiter bis ins Knie oder in die Hüfte; selbst wenn er angemessen reagieren wollte, würde das Nachgeben des 2. und 3. Zehengrundgelenks keinerlei Wirkung haben, weil es der Schuh nicht bis zum Boden durchlässt.

Wir müssen also versuchen, eine unseren Kräften und Wahrnehmungsfähigkeiten angemessene Laufschuh-Ausrüstung zu nutzen, die uns im Wachstum nicht behindert, sondern begleitet. Das bedeutet:

Diese Tipps gelten selbstverständlich nicht für Läufer, die unter orthopädischen Problemen leiden oder übergewichtig sind!

Ziel dieser Umstiege ist nicht, alle Läufer zu Barfußläufern umzuerziehen, sondern ein Instrument (wieder) zu erlernen, dessen Beherrschung einen ganz wesentlichen Anteil am verletzungsfreien Laufen hat. Die laut Wikipedia 26 Knochen des Fußes (Asics kommt werbewirksam auf 33, warum auch immer) entwickelten sich ja im Rahmen der Evolution nicht aus Jux und Dollerei zu einer solch komplexen Struktur, sondern haben in ihrem Zusammenwirken eine essentielle Bedeutung für ein schnelles und verletzungsfreies Vorwärtskommen. Beraubt man sie ihrer Möglichkeiten (und damit auf Dauer auch ihrer Fähigkeiten), führt das häufig zu Störungen in den Gelenken, die den ungeeignet verarbeiteten Aufprall als nächste abkriegen, nämlich Knie und Hüfte. Je besser wir also mit unseren Füßen umgehen, umso weniger Probleme machen wir dem Rest unseres Laufapparats. Je feiner unsere Wahrnehmung des Bodens und je angemessener unsere Reaktion auf dessen jeweiligen Zustand, umso geringer die Belastung für Knie, Hüfte und Rücken.

Ich bin den oben beschriebenen "Entdämpfungs-Weg" gegangen (Von Nike free) und bekam dafür nicht wenige Aha-Erlebnisse "geschenkt". Am faszinierndsten von all diesen aber war das letzte, bei dem die inzwischen sehr kräftige Muskulatur des Fußes klaglos einen bedeutenden Teil der Vortriebsarbeit übernehmen konnte, was zwar vor etwa zwei Wochen, als ich den Beitrag Sanfte Küsse verfasste, noch zu einer spürbaren Wadenbelastung führte, inzwischen aber nicht mehr. Nicht dass sich die Waden innerhalb von 14 Tagen an diese Belastung gewöhnt hätten, nein: die Auflösung wurde durch Übung feiner, und jetzt setze ich die Waden viel angemessener ein: kürzer, sanfter, mit besserem Timing. Erst durch die höhere Auflösung meiner intensiveren Wahrnehmung konnte ich begreifen, wie faszinierend dieser extreme Vorfußlauf geht: "in Auflösung begriffen".

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