Sisyphos
Stichwort:

Nach meinem ersten Marathon war ich trotz müder Muskeln im Ziel wunderbar euphorisch. Angekommen sein nach einer solchen Strecke war einfach grandios. Das Gefühl ließ zwar im Laufe des nächsten Tages nach, ein kleiner Rest davon hielt sich aber in Form einer leicht angehobenen Grundstimmung gute drei Monate.

Angekommen Sein hat so etwas von gravierten Medaillen: da steht mein Name drauf, die kann mir keiner mehr nehmen. Mit dem angekommen Sein ändert sich aber auch mein Bewusstsein. War auf dem Weg noch die Bewegung der Inhalt meiner Wahrnehmung, so ist es nun ein Zustand, den ich innehabe.

Angekommen Sein hat immer einen Bezug in die Vergangenheit. Das einzig Gegenwärtige am angekommen Sein ist der Gedanke daran im Moment des gedacht Werdens. Natürlich kann man sich auch an einem Gedanken wärmen, aber es ist nicht dasselbe wie die Handlung, die zu seiner Entstehung führte. Der Unterschied ist so gewaltig, dass man zweifelsfrei von zwei unterschiedlichen Erlebnis-Qualitäten sprechen kann. Und: während das direkte Erleben mir alle spontanen Entscheidungen offen lässt (unabhängig davon ob es den Freien Willen gibt oder nicht), bin ich bei der Erinnerung nur noch als Fälscher in der Lage, etwas - nachträglich - zu ändern. Tief im innersten Selbst merke ich aber den schalen Beigeschmack dieses Betrugs.

Was liegt also näher, als dem angekommen Sein einfach abzuschwören und erst gar nicht mehr ankommen zu wollen? Albert Camus hat diesen Zustand bereits 1942 in seinem Buch "Der Mythos des Sisyphos" aus dem Blickwinkel der Absurdität des menschlichen Daseins seziert und beleuchtet und eine morbide Schönheit beschrieben, die diesen Zustand des Nicht-Ankommen-Könnens (oder -Wollens) auszeichnet. Aus seiner dem Existenzialismus verwandten Philosophie heraus lehnt Camus jeglichen Sinn des Lebens ab, der die Menschen verführen soll, angekommen sein zu wollen.

Stein bergauf

Als Läufer stehen wir vor der Wahl, des Laufens oder des Ankommens willen zu laufen. Ich kenne viele Läufer, denen man anmerkt, wie sehr sie das (mit guter Zeit und besserem Rang) angekommen Sein lieben. Ich kenne aber auch einige Läufer, denen es erst recht Spaß macht, sich immer wieder auf den Weg zu machen, Dinge zu verändern und spielerisch mit der Bewegung umzugehen. Sie wissen oder ahnen, dass das angekommen Sein so etwas ist wie ein kleiner Tod.

Wie man an meinen Blog-Beiträgen verfolgen kann, freue auch ich mich über das Erreichen gewisser Zustände (Zu Hause angekommen?), kann aber schon nach kurzer Zeit nicht anders als den Hummeln im Hintern gehorchen und den nächsten Schritt tun, wohin auch immer er führen mag.

In der griechischen Mythologie war das endlos wiederholte "den Stein bergauf Rollen", zu dem Sisyphos als Strafe für die Verhöhnung der Götter verurteilt wurde, noch als schlimmes Schicksal beschrieben, dem man unbedingt entgehen muss. Heute wissen wir besser denn je, dass es keine bessere Förderung einer lebenslangen Fitness gibt als sich immer wieder auf den Weg zu machen. Die alten Rolling Stones tragen diesen Zusammenhang seit der Gründung der Band im Namen, denn: "ein rollender Stein setzt kein Moos an". Sisyphos war sicher extrem fit und sein Stein war frei von Moos.

Eine versöhnliche Variante des Nicht-Ankommen-Wollens könnte ja auch darin bestehen, das Erreichte im Wissen des baldigen Aufbruchs zu neuen Ufern zu genießen und dabei die Gelegenheit zur Reflektion und Regeneration zu nutzen. Und dann ist es egal, ob unser Sisyphos-Berg ganz oben ein Plateau hat, auf dem der Stein durchaus dauerhaft abgelegt werden könnte: wir lassen ihn einfach freiwillig vor Erreichen des Plateaus wieder runterrollen.

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