Koyaanisqatsi
Stichwort:

Koyaanisqatsi 1) stammt aus der Sprache der Hopi Indianer und bedeutet in etwa "Leben im Ungleichgewicht".
Wir plündern die Meere und vernichten das Land, sogar den Weltraum haben wir schon so sehr mit Schrott verseucht, dass wir Beobachtungssysteme brauchen, um die selbsterzeugten Risiken für die Raumfahrt zu minimieren. Wir haben einen ganzen Planeten aus dem Gleichgewicht gebracht und intensivieren die Prozesse, die ihn ruinieren, Jahr für Jahr.

Ich versuche, wenigstens selbst nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, indem ich mich mehrmals je Woche - so eng es geht - an die Natur binde. Ich laufe barfuß.

Ich genieße es, dabei zuzusehen, wie sich mein Laufapparat langsam wieder zu dem entwickelt, wofür er durch Millionen von Generationen hindurch von der Evolution gemacht wurde. Er entwickelt sich wieder zu einem federnden, dämpfenden, empfindenden, zur Selbstheilung fähigen Ganzkörper-System, dessen Basis der Fuß ist.

Die meisten Läufer bemerken ihre Füße erst, wenn sie ihnen Probleme bereiten (die Füße den Läufern oder umgekehrt). Ich spüre meine Füße bei jedem Schritt eines Barfußlaufs, und das sind bei 10km, einem 6er Schnitt und einer Schrittfrequenz von 200 Schritten/Min (unangenehmer Untergrund) 12.000 Schritte. Selbst wenn ich über solche von Menschenhand geschaffenen Objekte wie die drei bunten Gesellen hier links laufe, fühle ich mich mit der Natur verbunden. Meine Füße sind dabei für mich wie ein Supersensor: sie zeigen mir, wie nah ich an der Natur bin, aber auch, wo die Natur schon keine mehr ist: das Laufen über Waldboden ist eine wahre Freude, während der Kontakt mit geschotterten Wegen (damit Kraftfahrzeuge nicht versinken) dem Fuß eine Menge Dämpfungsarbeit abverlangt und entsprechend anstrengend ist.

Das Vermögen, als Lebewesen selbst etwas zu können (wie zum Beispiel ohne Asics Treter im Wald rumzulaufen), scheint der Konsumgüterindustrie jedoch äußerst zuwider zu sein. Und so werden deren Medienartisten nicht müde, uns immer neue Trugbilder einer erstrebenswerten weil komfortablen Zukunft unterjubeln zu wollen.

Heute morgen habe ich in der Zeitung gelesen, dass Johan Jervoe, Vice President der Intel Corp., vor zwei Tagen in einer Veranstaltung an meinem Heimatort seine Zukunftsvision preisgegeben hat. Angekündigt wurde das ganze als:

Herr Jervoe wird von Expertenseite einen Einblick in die Welt von übermorgen gewähren.

Und dann sprach er von einem Mikroprozessor gesteuerten Aftershavespender, der - weil er über das Internet der Dinge mit der Wettervorhersage in Kontakt steht - gleich noch ein wenig Sonnencreme beimischen kann, weil es ein sonniger Tag werden soll.

"Cui bono" fragt man sich da spontan, wem entsteht hieraus ein Vorteil? Mir fallen sogleich die Chip-Hersteller ein, z.B.: Intel Corp, bei der Herr Jervoe arbeitet. Wenn mir das ganze etwas nutzen soll, müsste der Rasierschaum ja wissen, ob ich heute überhaupt das Haus verlassen und mich der Sonne aussetzen werde. Oder ob mein überaus intelligenter Wasserhahn nicht bereits eine grenzwertige Dosis Sonnenschutzmittel beigemischt hat. Ach ja: selbstverständlich müssten auch meine ganz persönlichen Daten über Allergien automatisch berücksichtigt werden.

Da laufe ich doch lieber ohne Schuhe in meinem Wald rum und freue mich darüber, dass ich nicht anhalten muss, weil irgendein dämliches Gadget neue Batterien braucht.

Wenn die Welt nur noch deshalb funktioniert, weil Alles mit Allem datentechnisch vernetzt ist, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eher früher als später ein Hackerangriff bewirken, dass die Welt im Sinne einer technischen Pandemie endgültig aus dem Gleichgewicht gerät: Koyaanisqatsi.


Koyaanisqatsi: ein sehenswerter, von Godfrey Reggio und Francis Ford Coppola produzierter Film über Eingriffe des Menschen in die Natur.

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