Sprüche
Stichwort:

Fast immer, wenn mir jemand den Aufbruch zu einem langen Weg schmackhaft machen will, höre ich Weichspüler-Sätze wie
"Der Weg ist das Ziel".
Mir kommen solche Formulierungen vor wie ein wohldurchdachter Betrug, mit dem man verschleiern möchte, dass das Ziel unendlich fern ist und nur mit äußerster Mühe zu erreichen. Damit ich nicht vor dem überwältigenden Berg an Arbeit kapituliere, suggeriert man mir eine schnelle Zielerreichung schon beim Betreten des Weges.

Mit gleicher Absicht wird dann auch öfters mal Mao zitiert:
"Egal wie weit der Weg ist, man muss den ersten Schritt tun."
Immerhin wird man hier mit einem Imperativ auf den Weg gestoßen, ansonsten ist der Spruch des großen Vorsitzenden ein ebensolcher Blödsinn wie der erstgenannte.

Ich verstehe natürlich die Motivation hinter diesen Sprüchen: sie will uns dazu bringen, freiwillig unseren Kontext zu ändern.

  • Wenn ich liege, muss ich mich anstrengen, um aufzustehen. Stehe ich erst einmal, ist das Stehen gar nicht mehr so schlimm.
  • Wenn ich stehe, muss ich mich anstrengen, um loszulaufen. Laufe ich erst einmal, ist das Auf-dem-Weg-Sein nicht mehr schlimm.

Wenn ich hier von "anstrengen" spreche, denke ich weniger an den körperlichen Akt, sondern an das geistige Aufraffen, den augenblicklichen Zustand zu verlassen. Wer regelmäßig morgens läuft und bereits vor dem Aufstehen den prasselnden Regen hört, weiß, welche Art Anstrengung ich meine.
Mancher spricht dann vom
"Besiegen des inneren Schweinehunds",
aber der Spruch ist noch blöder als die zuvor genannten "Weg"-Sprüche.

Wie einfach könnte Vieles sein, wenn unser Kopf-Kino nicht immerzu einen Keil zwischen uns und die Welt treiben würde; ich meine jenes Kopf-Kino, welches beim Abbilden der Welt und beim Anreichern mit Gedanken und Gefühlen aus Erinnerung und Vorstellung die wahrgenommene Welt verändert.

Die Vorstellung, nach dem Aufstehen im Regen laufen zu müssen, ist - wenn wir das aufmerksam beobachten - so meilenweit vom tatsächlichen Gefühl des Laufens im Regen entfernt, dass es sich lohnt, ein Bewusstsein zu entwickeln, das Vorstellungen als solche erkennt und ihnen einen angemessenen Platz zuweist. Und plötzlich sind Weg und Ziel nur noch Worte, und keine Vorstellung eines langen Weges hindert uns mehr am Loslaufen...

...und niemand muss uns mehr mit blöden Sprüchen überreden, etwas Anstrengendes zu tun.

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