Laufen bei Hitze
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Man hört immer, dass man viel trinken muss, wenn man bei höheren Temperaturen läuft. Das scheint vernünftig, denn man schwitzt ja auch viel. Schwitzen ist nichts Anstößiges, sondern die wunderbare Möglichkeit, unseren erhitzten Körper durch Verdunstungskälte vor dem Wärmetod zu schützen.

Wärmetod: aus dem Schulunterricht wissen wir noch, dass Eiweiß bei Temperaturen oberhalb 41 Grad zu gerinnen beginnt. Schaffen wir es nicht, uns zu kühlen, sterben wir, weil unser Körpergewebe durch Koagulation zerstört wird.

Bei Außentemperaturen zwischen 10 und 25 Grad schwitze ich beim moderaten Laufen eigentlich immer, sobald ich 10 Minuten in Bewegung bin. Das bisschen Schwitzen reicht üblicherweise aus, mich so zu kühlen, dass es mir nicht zu warm wird.
Bei Temperaturen oberhalb 25 Grad müsste ich daher einfach nur mehr schwitzen, um mehr zu kühlen, und schon komme ich genauso gut gekühlt über die Runden.
Was liegt also näher, als mehr zu trinken, um mehr zu schwitzen? Eigentlich nichts, und doch verschlechtert sich der Zustand erheblich, wenn wir mehr schwitzen. Klar: mehr Schweiß bedeutet auch mehr Verlust an Mineralien. Gut trainierte Sportler berichten zwar, dass sie vergleichsweise weniger Mineralien verlieren, aber keiner schwitzt reines Wasser. Um dies alles auszugleichen, muss man wieder Mineralien zuführen etc.. Man könnte dann seinen Lauf auch als Wendestrecke zwischen einem Getränkemarkt und einer Drogerie organisieren.

Die weit verbreitete Ratgeber-Hörigkeit scheint mittlerweile viele Jogger zu animieren, mit gut gefüllten 1,5 Liter Plastikflaschen durch die Gegend zu rennen, damit sie dem drohenden Hitzetod jederzeit noch von der Schippe springen können.

Um meine Bewegungen nicht durch solch einseitigen Ballast zu verhunzen oder wie John Wayne mit einem martialischen Wasser-Patronengürtel umherwabbeln zu müssen, habe ich bisher immer einen prominenten Rat befolgt:

"Viel trinken vor dem Lauf, dann läuft man auch nicht zu schnell los und hat große Flüssigkeitsreserven".

Wie ein Kamel. Nur dass das viele Wasser (bei mir waren es 0,5 bis 0,75 Liter) in meinem kleinen Menschenmagen gespeichert wurde und nicht in einem speziellen Kamel-Magensystem. Genau: Kamele speichern ihre 100 - 150 Liter Wasser nicht in den Höckern, auch wenn diese falsche Annahme einen Hersteller von Trinkrucksäcken zu dem Namen Camelbak verführt haben könnte. Camelstomach klingt ja auch eher nach einem Krankheitsbild...

In diesem Jahr habe ich mit meiner Kamelmethode zunehmend Probleme bekommen: das viele Wasser scheint wohl immer eiligst in den Darm weitergewandert zu sein, wo es dann eine unerwünscht abführende Wirkung entfaltete, deren Folgen ich hier nicht detailliert beschreiben möchte. Die mittelfristige Folge dieses Ungemachs war, dass ich anfing darüber nachzudenken, welche Alternativen mir für lange Läufe wohl blieben, wenn ich nicht ein erhöhtes Dehydratationsrisiko eingehen wollte.

Umgehend fielen mir unsere Vorfahren in Afrika ein, und ich sah viele dunkelhäutige Menschen sehr weit laufen, um Tiere zu jagen, die dann irgendwann einfach sitzenbleiben müssen, um nicht den Hitzetod zu erleiden, weil sie nicht so effektiv schwitzen können wie wir. Sie können zwar schneller laufen als wir, aber nicht 6 Stunden lang. Die sitzenden Tiere werden dann mit eime Speerwurf erlegt, was auch nicht besser ist als der Hitzetod. Für mich als Vegetarier eine scheußliche Vorstellung...
Schaue ich mir die Szene genauer an, stelle ich allerdings fest, dass die Jäger keine 1,5 Liter-Plastikflaschen bei sich tragen und auch keinen Westernhelden-Wassergürtel. Wenn überhaupt, führen sie kleine Mengen Flüssigkeit mit sich.
Sie schwitzen ebenfalls, aber der Schweiß wird bei ihnen nicht sofort von atmungsaktiver Funktionskleidung verdunstet. Er kann seine kühlende Wirkung viel länger beibehalten als bei uns modernen Kurzstreckenläufern, die wir uns schämen, wenn wir verschwitzt aussehen oder so riechen.

Ich war also bereit, das Laufen mit wenig Wasser einmal auszuprobieren: Test war ein 30km Lauf, dessen zweite Hälfte bei Temperaturen von knapp 30 Grad zurückgelegt wurde. Vorher habe ich nur etwa ein halbes Glas Wasser getrunken und während des Laufs gar nichts. Ich habe versucht, mich auf meine Entspannung sowie auf das kühlende Gefühl einer feuchten Körperoberfläche zu konzentrieren. Ich war überrascht, wie frisch ich mich auch noch gegen Ende des Laufs fühlte. Das wirklich einzig Unangenehme war, wenn der leichte Wind von hinten kam und es relativ zu meinem Lauf keine Luftbewegung gab.

Wenn wir effizient schwitzen wollen, was nichts anderes bedeutet als "nur so viel, dass die benötigte Kühlung erreicht wird und nicht auch noch die wertvollen Mineralien verloren werden", dann sollten wir anders laufen:

Ich habe in den heißen Tagen dieses Sommers etliche Läufe bei wirklich hohen Temperaturen gemacht. All diesen Läufen war gemein, dass ich geschafft habe, mich in bester ChiRunning-Manier maximal zu entspannen (Neigung, siehe auch Nutzung der Physik) und dadurch vergleichsweise wenig Wärme produziert habe. Bei keinem dieser Läufe hatte ich Durst oder verspürte andere Gefühle der Dehydratation wie z.B.: Schwäche, Konzentrationsstörungen oder hohen Puls.


Warnung

Die Fähigkeit, bei Hitze ohne viel Flüssigkeit lange Strecken laufen zu können, kann individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Wer sich von diesem Beitrag dazu animieren lässt, lange ohne Flüssigkeitszufuhr zu laufen, sollte seinen Körper sehr gut kennen! Sobald sich ein Gefühl stärkeren Durstes einstellt oder die Anstrengung bei gleicher Geschwindigkeit ungewohnt stark zunimmt, sollte baldmöglichst etwas getrunken werden! Wenn man erst mal dehydriert ist, können beträchtliche geistige und körperliche Störungen auftreten, die unter allen Umständen ernstzunehmen sind.

Die Kernaussage dieses Beitrags lautet schließlich nicht, bei langen Hitzeläufen alles so zu machen wie früher, jedoch ohne zu trinken, sondern:

Nicht zu viel trinken und dafür die Anstrengung wie auch die Verdunstung auf ein sinnvolles Maß reduzieren!

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