Descartes auf die Füße gestellt
Stichwort:

Der große Rene Descartes machte seine Existenz daran fest, dass er sich als denkendes Subjekt wahrnahm. In dem Versuch, ein sicheres methodisches Fundament für sein Weltbild zu schaffen, hat er dem Denken einen Stellenwert eingeräumt, dem das Denken niemals gerecht werden kann, weil es - nüchtern betrachtet - nur einen Teil unserer Existenz ausmacht und schon gar nicht seine Basis, nicht einmal die unseres Bewusstseins, auch wenn Menschen mit einem ausgeprägten Hang zum Kopf-Kino dies heftig bestreiten würden.

Dass dies keine haltlose Behauptung von mir ist, sondern eine überaus einfach nachprüfbare Tatsache, soll ein kleiner Selbstversuch zeigen, bei dem wir einen Bewusstseinszustand einmal per Denken und einmal per Körperstellung erzeugen:

Der Versuch: wir denken uns erhaben

Die Gedanken sind frei: was liegt also näher, uns via Geisteskraft in einen Zustand der Erhabenheit zu versetzen. Im Bett liegend oder auf einem Stuhl sitzend, stellen wir uns so lange vor, dass wir erhaben sind, bis wir uns tatsächlich so fühlen. Ohne unsere Haltung und/oder unseren Gesichtsausdruck zu ändern, wird das kaum gelingen. Das einzige, was passiert, ist das wir uns müde denken und keine Lust mehr auf diesen Blödsinn haben.

Nochmal mit Körper: wir erheben uns

Gleiches Versuchsziel: wieder versuchen wir, uns erhaben zu fühlen. Diesmal nutzen wir aber unseren Körper: wir stehen auf, strecken uns ("machen uns groß") und laufen langsam mit erhobenem Haupt umher. Unmittelbar setzt das gewünschte Gefühl ein. Mag sein, dass uns der kleine Zweifler im Gehirn zuraunt: "du siehst aber arg gestelzt aus!", aber das Gefühl ist trotzdem großartig.

Woran liegts?

Zwischen unserem Körper und unseren Gefühlen bestehen extrem enge Beziehungen: allein das Ballen einer Faust kann uns unmittelbar ein Gefühl der Stärke verleihen. Umgekehrt versetzen wir uns mit schlaffen Körperhaltungen in einen Zustand der Ohnmacht. Es genügt daher völlig, eine Körperhaltung einzunehmen, mit der wir das gewünschte Gefühl verbinden, und schon nehmen wir das Gefühl wahr. Weil die Verbindung unseres Gehirns (welches bei bestimmten Gefühlen entsprechende Körperhaltungen veranlasst) zum Körper keine Einbahnstrasse ist, können wir durch Einnahme der entsprechenden Körperstellung auch das dazu gehörende Gefühl erzeugen. Dies vor allem wesentlich direkter und intensiver als wenn wir uns das Gefühl einzureden (besser: einzudenken) versuchen.

Laufen und die Psyche

Die Wechselwirkungen zwischen Körper und Gefühl erklären auch, warum wir uns so oft besser fühlen, wenn wir laufen. Es ist zwar auch die Sauerstoffdusche, die wir in Folge der körperlichen Aktivität erhalten, aber vielmehr ist es das durch den bewegten Körper hervorgerufene Gefühl des Könnens, der Stärke und der Energie. Umgekehrtes kann natürlich auch beim Laufen passieren: am Ende eines langen und harten Wettbewerbs kann die Ermüdung bestimmter Muskelpartien dazu führen, dass wir eine schwache Körperhaltung einnehmen ("Absitzen") und uns entsprechend elend fühlen.

Dem als ob kommt auch bei körperlichen Aktivitäten eine entscheidende Bedeutung zu: wenn wir ein leichtes und lockeres Gefühl beim Laufen haben wollen, nehmen wir einfach die Körperhaltung eines kenianischen Fliegengewicht-Läufers ein und bewegen uns auch, als ob wir solch eine Gazelle wären. Das klappt tatsächlich. Motiviert durch das aktuelle Buch von Richard Wiseman ("Machen, nicht denken") habe ich bei meinem ersten richtig langen Lauf in der beginnenden Marathon-Vorbereitungsphase die Körperhaltung der afrikanischen Läufer einzunehmen versucht: lockere Schritte bei leichter Neigung nach vorne, Beine hinter dem Körper lang werden lassen, rhythmische Armarbeit und vor allem: gestreckter Körper (das Gegenteil eines müden, zusammengefallenen Läufers). Die Haltung wirkte Wunder: bis zum letzten Meter hat mir der Lauf einen riesen Spaß gemacht, weil er mir so locker vorkam. Ich müsste lügen, wenn ich den Lauf als unausgesetzt mühelos bezeichnen wollte; das war er wirklich nicht. Aber die Freude an der Bewegung und das Gefühl, auch gegen Ende noch Energie zu haben und leicht zu laufen, war so präsent wie nie zuvor.

Wenn wir unserem Körper den ihm zustehenden Platz geben und ihn sich passend zu dem von uns angestrebten Zustand bewegen lassen, vollzieht sich in kürzester Zeit eine starke Veränderung unseres Bewusstseins, wie sie nie vom Denken alleine generierbar wäre. Im umgekehrten Descartes'schen Sinne können wir daher ganz im Vertrauen auf unseren Körper feststellen, dass er es ist, der dem Gehirn ermöglicht, der Wahrnehmung einen Ort und eine Projektionsfläche zu geben. Erst durch unsere körperliche Existenz wird das Denken möglich: "Ich bin, also kann ich denken!"

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