Die Körperlupe
Stichwort:

Von Menschen mit Tourette-Syndrom ist bekannt, dass sie oft zu schnelleren und präziseren Bewegungen in der Lage sind als andere Menschen. Man vermutet, dass die vergleichsweise geringen zentralnervösen Hemmungsmechanismen hierfür verantwortlich sind wie auch für die Tics (zuckende Bewegungen, spontane Ausrufe oder Geräusche), unter denen die Erkrankten (und manchmal auch deren Umfeld) leiden. Es wird berichtet, dass es für Tourettis eine Leichtigkeit ist, Fliegen im Flug zu fangen.

Hätten auch wir eine schnellere Wahrnehmung, in welcher Weise unsere Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke bei schnellen Bewegungen (wie beim Laufen) beansprucht werden, so wären wir sicher in der Lage, unsere Bewegungen besser zu koordinieren und unsere Haltung zu optimieren.

Bewusstseinserweiternde (präziser: die Wahrnehmung beeinflussende) Substanzen sind in der Lage, uns die Zeit anders erleben zu lassen oder die Körperwahrnehmung zu intensivieren. Diese Substanzen wurden und werden überall auf der Welt konsumiert, um in Welten vorzudringen, die dem Normalbewusstsein normalerweise nicht zugänglich sind. Die Ethnologie kennt viele Beispiele rituellen Gebrauchs von Drogen, die gut in die jeweilige Kultur integriert sind, wodurch Missbrauch (meine Handlungsfähigkeit auch im nüchternen Zustand einschränkend oder antisoziales Verhalten fördernd etc.) meist wirkungsvoll verhindert wird. Die bei uns kulturell integrierte Substanz Alkohol halte ich nicht für geeignet, Wahrnehmungs-verfeinernd zu wirken, sondern eher dafür, das Bewusstsein über den eigenen Zustand zu täuschen (mit dem Ziel, sich besser zu fühlen). Lallen und Schwanken deuten eher auf eine schlechtere Koordination der beteiligten Muskeln hin als auf ein erweitertes Bewusstsein. LSD hingegen kann die Zeit dehnen und die wahrgenommenen Erlebnisse verstärken, was je nach Erlebnis Himmel oder Hölle bedeuten kann.

Für mich als konsequent Drogen-abstinenten Menschen (inkl. Alkohol) stellt sich die Frage, ob wir über andere Möglichkeiten verfügen, unser Bewusstsein so zu verfeinern, dass wir auch winzige Details von Bewegungen oder Gelenkstellungen wahrnehmen können. Mich interessiert dies deshalb, weil wir auf diese Weise in die Lage versetzt werden, ergonomische Bewegungen / Haltungen zu erkennen und zu verstärken und im gleichen Maße schädigende Bewegungen und Belastungen zu verhindern. Eine optimierte Wahrnehmung und Bewegungssteuerung wäre aus Läufer-Sicht die goldene Kugel für Lauftechnik und -effizienz.

Was können wir tun, um mehr zu spüren?

Natürlich keine Drogen nehmen! Viel einfacher: wir müssen auch das Spüren üben! Den Körper in der Bewegung wie mit einer Lupe betrachten!

Neuere Ergebnisse der Hirnforschung belegen, dass das Gehirn bis ins hohe Alter plastisch bleibt, sich also strukturell an veränderte Bedingungen anpassen kann. Im Falle der Propriozeption, um die es hier geht, muss die Aufnahme und Bewertung von Sinnesreizen der Eigenempfindung von Körperlage und -bewegung im Raum trainiert werden.

Die Propriozeption trainiert man wie einen Muskel: man übt, in dem man eine Haltung einnimmt oder eine Bewegung ausführt. Die Wahrnehmung intensiviert man, in dem man sich konzentriert und auf die entsprechenden Empfindungen achtet. Das ganze muss wie jedes Training häufig wiederholt werden, um seine Wirkung zu entfalten. Es ist dabei nicht unbedingt notwendig, die Geschwindigkeit der späteren Ausführung einzuhalten: wie im Buch des Feldenkrais-Lauftrainers Jack Heggie (30 Tage Heggie) zu lesen ist, kann man die Bewusstheit auch durch eine sehr langsame und bei jeder Wiederholung feinere Bewegung trainieren. Bestimmte Wahrnehmungen können allerdings nur in Echtzeit trainiert werden, so zum Beispiel das Anfersen beim schnellen Laufen, ohne dabei die Ferse aktiv zum Po zu bewegen oder das Spüren der Fußsohle, die mit hoher Geschwindigkeit auf unebenen Boden trifft. Nichtsdestotrotz kann der Einstieg in die verfeinerte Wahrnehmung eine Bewegung im Liegen oder Stehen sein, die uns durch die Langsamkeit der Ausführung in die Lage versetzt, alle Muskelspannungen und Gelenkwinkel präzise zu spüren.

Und was haben wir davon?

Das Ergebnis dieses Wahrnehmungstrainings ist überaus positiv: man empfindet intensiver, kann sich viel besser konzentrieren (eine Fähigkeit, die auch durch Meditation gefördert wird), kann richtige Haltungen und Bewegungen von falschen unterscheiden (wichtig für die Verletzungs-Prävention). Weiterhin fördert man die Fähigkeit des nicht-sprachlichen Wahrnehmens, die uns viel näher an der Welt sein lässt als das permanente Hirngeplapper, das uns die Welt nur vermittelt durch vergröbernde Begriffe schauen lässt, die alle auch noch ihren eigenen Ballast mitschleppen. Außerdem verbessert man seine Fähigkeit, sich gleichzeitig auf mehrere Bewegungen zu konzentrieren, erheblich. Ich würde dennoch zum Einsteig empfehlen, sich immer nur eine Empfindung vorzunehmen, z.B. das Erspüren der Pronationsbewegung des Fußes vom ersten Aufkommen auf dem Boden bis zum Abdruck. Dabei sollte alle Konzentration auf diese Empfindung gerichtet und mit der Bewegung gespielt werden, um zu sehen, wie sich die Wahrnehmung verändert. Und man sollte - was die Dauer der Konzentrationsfähigkeit betrifft - gnädig mit sich sein! Die Körperlupe braucht Zeit und es kann schon einige Tage bis Wochen dauern, bis sich ein Effekt einstellt, der automatisch zum Weitermachen motiviert. Wenn aber die Leidenschaft der bewussten Wahrnehmung erst einmal entfesselt wurde, färbt dies bald vom Laufen auf alle unsere Bewegungen ab.

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