Neues vom Wal
Stichwort:

Gana, das Belugawal-Weibchen, von dem ich bereits in Was mir der Wal erzählte berichtete, meldete sich bei mir auf unerwartete Weise: sie erschien mir im Traum. Das Erlebte war aber derart klar und frei von den üblichen Traum-bedingten Merkwürdigkeiten, dass ich es für ein Erlebnis im Wachzustand hielt. Mit Ausnahme der Tatsache, dass sich ein Wal und ein Mensch unterhalten, war nichts Seltsames an dieser Begegnung. Dass es ein Traum war, wurde mir erst am nächsten Morgen bewusst, denn ich konnte wohl kaum - schwuppdiwupp - in der Nacht in ihren Ozean gelangt sein (wo es übrigens taghell war), mich mit ihr unterhalten haben und wieder nach Hause gekommen sein.

Ich fand mich also bei vollem Bewusstsein in einem kleinen Boot auf dem Meer. Vor mir Gana, deren Gesichtsausdruck ernster und trauriger wirkte als bei unserer letzten Begegnung.

"Ich muss mit dir reden", sagte sie. "Kannst du mir erklären, warum ihr Menschen den gesamten Planeten zugrunde richtet? Ihr werdet doch selbst schon in wenigen Jahren unter den Folgen leiden; genauer betrachtet, ist das doch jetzt schon der Fall, auch wenn ihr immer wieder unberührte Ressourcen findet."

Jetzt verstand ich ihren Gesichtsausdruck. Nicht, dass mir der Sachverhalt unbekannt wäre, aber aus dem Munde eines Wals wirkte jedes Wort wie ein Bleigewicht, das sich auf meine Brust legte. Ich fühlte mich schuldig. Schuldig an einem Desaster, das ich hätte verhindern können.

Mir war bewusst, dass mein Einfluss auf den Lauf der Welt als einer von sieben Milliarden Menschen äußerst gering ist. Der Gedanke entlastete mein Gemüt ein wenig.

Gana schien das zu spüren, und setzte nach: "Du denkst, als Einzelner hättest du keinen Einfluss auf eure zerstörerische Wirkung, aber das ist falsch. Du hast in jeder Sekunde jede Möglichkeit, dich anders zu entscheiden, auch wenn es gerade von euren fortgeschrittensten Wissenschaftlern eine Diskussion über den freien Willen gibt, die diesen Umstand leugnet. Probiere es aus: die nächste Entscheidung ist nur wenige Sekunden entfernt. Und dann fange an, für den Planeten zu kämpfen: entwickle eine Idee, wie dein Engagement viele andere mitreißt! Nutze den Schneeballeffekt! Aber bitte mach keine Sekte draus!"

Ich dachte über diese Predigt einen Augenblick lang nach. Gana schwamm ganz ruhig hin und her, und schaute mich mal mit dem einen, mal mit dem anderen Auge an, Ich hatte jetzt den Eindruck, sie hätte einen ausgeglicheneren Gesichtsausdruck als zu Beginn unserer Begegnung. Ich war mir sicher, sie wollte durch ihr Abwarten die Wirkung ihrer Worte noch verstärken. Ich fragte mich, warum ich es als meine Aufgabe ansehen sollte, etwas zu retten, das ich nicht verbockt hatte, aber bei genauerem Nachdenken war das gar nicht so. Mein Wohlergehen basiert darauf, dass wir die natürlichen Ressourcen plündern, und das kann jeder sehen, der es nicht gewaltsam ignorieren will. Gana hatte völlig recht: ohne all unser tägliches Handeln wäre der Planet nie derartig an den Rand des Abgrunds geraten.

Gana wandte sich mir wieder zu: "Wir sehen uns wieder, wenn du dir was Schönes ausgedacht hast."
Sie schien zu lächeln, als sie abtauchte und verschwand.

Da saß ich nun in meinem Boot und war mit einer Aufgabe beladen, die so einfach formuliert war und doch so schwer umzusetzen ist, wenn man wirklich etwas bewegen will. Das Schlimmste an diesem Traum war aber, dass ich ihn nicht mehr aus dem Kopf bekomme, nicht mal bei meinen morgendlichen Läufen im Taunus.

Weiter zum Blog-Artikel: Zugvögel
Zurück zum Blog-Artikel: Die Körperlupe
Nach oben
Die Tagcloud zeigt alle in den Beiträgen markierten Begriffe an, die insgesamt mindestens 25 mal verwendet wurden. Je größer ein Begriff erscheint, desto öfter wurde er insgesamt verwendet.
Die Intensität der Farbe rot zeigt an, wie oft ein Begriff im gerade anzeigten Beitrag verwendet wird.
Der Klick auf einen Begriff führt zur Tag-Suche.
Alle Begriffe sind in der großen TagCloud zu sehen.
achillessehne arm asphalt aufprall ballen barfuß bein belastung bewegung boden bodenkontakt buch chirunning druck dämpfung eis energie erfahrung feder ferse fivefingers form freude fuß fußaufsatz fußsohle fähigkeit füße gefühl gelenk geschwindigkeit gewicht haltung haut heggie hüfte kalt kamera knie kopf kraft körper lauf laufen laufstil leben läufer marathon mensch methode muskel natur neigung reiz rücken sandale schmerz schnee schnell schotter schritt schuh schulter schwerkraft sehne sohle sole runner spaß stein strecke technik tempo training uhr untergrund unterschenkel verletzung vorfuß vortrieb wade wahrnehmung wald wasser weg weich welt wettkampf zehen zeit ziel überlastung
Beiträge
Nach oben