Zugvögel
Stichwort:

Der Herbst ist die Zeit der Umstellungen. Statt der kurzen Laufklamotten trage ich lang, und wenn es frostig wird, auch schon Handschuhe und Mütze. Die Wege im Wald werden matschig, und die Herbststürme brechen viele Äste, die dann als kleine oder größere Hindernisse auf dem Boden landen. Regen und die längeren Dunkelphasen verschlechtern die Bedingungen für alle, deren Sport draußen in der Natur stattfindet. Bei allem herbstlichen Ungemach gibt es aber ein Ereignis, das mein Herz erwärmt und mir ein Wohlgefühl verschafft, an das kein mildes Frühjahrswetter heranreichen kann: der Vogelzug.

In riesigen Formationen ziehen Kraniche über unsere Gegend hinweg. Sie gurren mit kurzen, leicht heiseren Tönen, und es entsteht die typische Begleitmusik des Vogelzugs, auf die ich mich immer wieder so sehr freue. Das Gurren wandert durch den Schwarm und verleiht der langen, schlanken Formation etwas Fluktuierendes, das von den leichten, weichen Flügelschlägen der einzelnen Vögel getragen und verstärkt wird.

Die sanften Bewegungen der Vögel, das ruhige Dahinziehen und die warmen Töne wirken auf mich so einladend, dass ich am liebsten mitfliegen würde. Ich darf mich aber von dem majestätischen Bild nicht täuschen lassen: die Vögel vollbringen bei ihrem Zug eine gewaltige Leistung, die ohne die perfekte Bewegung und das optimale Zusammenwirken des Schwarms, ohne die großartigen Navigationsfähigkeiten der Leitvögel und ohne stimmige Kommunikation im Schwarm nicht möglich wäre. All diese Voraussetzungen wurden in hunderttausenden von Jahren geschaffen, nicht ohne Opfer unter jenen Vögeln zu fordern, deren Anpassung in die falsche Richtung ging.

Die Vorstellung, eine sehr lange Strecke in einer kontinuierlichen und unermüdlichen Weise zu bewältigen, übt einen ungeheuren Reiz auf mich aus. Ich möchte gerne herausfinden, welche Voraussetzungen ein Läufer erfüllen muss, um 50 oder 100 km am Stück zurücklegen zu können und nach dem Lauf dennoch nur so erschöpft zu sein, dass am nächsten und übernächsten Tag dieselbe Leistung wieder erbracht werden kann.

Man könnte jetzt vermuten, dass die Fähigkeiten eines guten Marathon-Läufers sicher ausreichen würden, aber ich halte das für eine Illusion. Der Marathoni läuft viel schneller und ist (sonst hat er was falsch gemacht) am Ende des Rennens auch am Ende seiner Kräfte. Er braucht dann mehrere Wochen für die vollständige Regeneration. Der Zugvogel-Läufer sollte so laufen, dass er zu jeder Zeit maximal entspannt ist und den typischen exponentiellen Anstieg der Erschöpfung vermeidet, wie er für die letzten 5 - 10 km im Marathon typisch ist. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass der Zugvogel-Läufer andere Schwerpunkte beim Muskeleinsatz setzen muss und diese Muskelgruppen auch bereits lange vor dem "Zug" eingeschliffen haben sollte.

Ich werde in den kommenden Wochen mein Training im Hinblick auf einen minimalen Energieverbrauch und geringstmögliche Erschöpfung ausrichten. Dabei werde ich auch für mich ungewohnt langsame Lauftempi ausprobieren, nicht ohne zu Vergleichszwecken eingestreute schnellere Passagen, um ein gutes Gespür für die maximal mögliche Entspannung zu bekommen. Und selbstverständlich werde ich wieder davon berichten, wie es mir als Zugvogel ergangen ist.

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