Zugvögel (2): der Absturz
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Ich hatte mich richtig auf den Winter gefreut. Viel Zeit, mal wieder was Neues zu probieren. Die totale Entspannung beim Laufen mit dem geringstmöglichen Energieverbrauch, um damit problemlos auch 50 oder 100 km laufen zu können.

Statt aber täglich locker zwischen 20 und 40 km zu laufen, freue ich mich heute, dass ich schon wieder abwechselnd Tage mit 5 und 10 km schaffe, ohne abends vor lauter Reizung an der Ferse nicht mehr richtig gehen zu können.

Was war passiert?

Ich hatte aus meinem Baukasten der Lauftechniken folgende Zutaten für den Ultrarunner ausgewählt:

Die drei ersten Maßnahmen - jede für sich, aber umso schlimmer alle zusammen - führten dazu, dass der Fuß des Standbeins sehr spitzwinklig abgebeugt wurde, bevor er den Boden verließ. Die Achillessehne wurde auch nicht vorgespannt, weil ich den Fuß locker und flach aufsetzte statt auf Ballen und Zehen zu landen. Das Laufen ging dadurch zwar so mühelos wie nie zuvor, die permanente Überdehnung der Achillessehne führte aber zu einer enormen Überlastung des Sehnenansatzes an der Ferse. Zeigte sich schon beim Laufen eine leichte Reizung, so entwickelte sich diese im Laufe der folgenden 12 Stunden zu einem sehr unangenehmen Stechen und Brennen.

Ein vorübergehendes Umstellungsproblem?

Anfangs dachte ich, dass sich der gereizte Sehnenansatz wohl schnell an die geänderte Belastung gewöhnen würde, und setzte einfach nach jedem Lauftag für 2 Tage aus. Leider war die Reizung immer schnell wieder da, und zwar heftiger als vorher. In der Hoffnung, dass dies nur eine anfängliche Störung ist, setzte ich dann für 3 oder 4 Tage aus, aber immer kam die Reizung schneller wieder. Schließlich konnte ich nach einer ganzen Woche Laufpause nur 5 km laufen, und schon war die Ferse wieder im Eimer.

In der bislang längsten Laufpause - 2 Wochen - fing ich an, meine Grundfesten anzuzweifeln. Das barfüßige Laufen (jetzt im Winter mit den Sole Runners) mit seiner sehr geringen Dämpfung geriet in Verdacht, die Sehnen zu reizen, und mir kam der Gedanke, eine gewisse Empfindlichkeit durch mein inzwischen mehrjähriges ungedämpftes Laufen erworben zu haben, die sich jetzt brutal rächte. Ich diskutierte mit mir, was mir wohl lieber sei: das ungedämpfte Laufen oder die Benutzung stärker dämpfender Schuhe und die dadurch vielleicht mögliche Wiederaufnahme meiner täglichen Läufe.

Zurück zu mehr Dämpfung: ist das die Lösung?

Die Diskussion endete zu Gunsten des regelmäßigen, aber stärker gedämpften Laufens; nicht weil mir plötzlich alle meine Überzeugungen egal waren, sondern weil ich inzwischen über fünf Kilo zugenommen hatte, denn meine Wochenkilometer waren von sonst 50 - 80 auf 5 - 15 geschrumpft, und hatten somit keinerlei korrigierenden Einfluss mehr auf mein Gewicht. Auch verschlechterte sich meine Laune und geistige Frische spürbar.

Um mich nicht ganz von der leichten, flexiblen Fußbekleidung verabschieden zu müssen, zog ich mir meine Brooks PureConnect an und machte mich auf zu einer 5km-Runde im nahegelegenen Wald. Ich kam mir wie vor ein Verräter meiner Ideen und Überzeugungen, aber die stärkere Dämpfung verhinderte zunächst einmal die Reizung der Ferse. Egal wie die Runde ausgehen würde, ich genoss das Laufen wie früher (6 Wochen ist das erst her, dass ich mich absolut fit fühlte) und war gespannt, wie sich die Ferse bis zum Abend anfühlen würde. Nervös beobachtete ich den ganzen Tag lang das Gefühl im Fuß und testete auch öfters durch Dehnen der Achillessehne, ob die Reizung schon wieder zunimmt, aber - Wunder über Wunder - kaum eine Veränderung.

Am nächsten Morgen lief ich wieder 5km. Ich hatte plötzlich wieder so eine Lust auf mein Laufen wie es vor der "Ultralauf-Umstellung" war, dass ich schneller lief und daher auch den Fuß kürzer belastete, auch wenn der Impact dadurch härter wurde. Die Ferse wurde dabei aber deutlich weniger belastet und am Abend war der Lauf wieder kaum zu spüren. Nun kroch mir mein kleines Barfuß-Männchen ins Ohr und versuchte mich davon zu überzeugen, dass ich doch eigentlich gar keine Probleme haben müsste, wenn ich genauso wie früher laufen würde, und ich verfluchte insgeheim mein Experiment. Morgen früh wollte ich alles so machen wie vor der Umstellung...

Test ohne Dämpfung

Gesagt, getan: ich zog mir meine Sole Runner an und lief die 5km Runde in 21:40 Min, was mir zwar viel Spaß machte, aber wegen meiner rapide verschlechterten Kondition auch ganz schön anstrengend war. Das Wunder zeigte sich am Abend: wieder nur eine ganz geringe Reizung, die wohl auch daher rührte, dass ich die Sache noch nicht vollständig auskuriert hatte.

Nun war ich reif für den ersten Zehner, den ich vorsichtshalber wieder in den PureConnect zurücklegte und auch wieder langsamer lief; so langsam, dass ich mit Nasenatmung auskam. Ich achtete aber peinlich darauf, den Fuß nicht zu lange am Boden zu lassen und damit den Winkel nicht zu spitz werden zu lassen. Am Abend war die Reizung zwar ein wenig stärker als bei den zuvor gelaufenen 5km-Runden, aber nicht ansatzweise so stark wie nach nur einer Runde mit schlaffem Fuß und stärker gebeugtem Knie.

Zurück in die Zukunft

Jetzt wurde mir klar, dass ich mit dem Versuch, aus Energiespargründen vom Vorfußlauf auf einen flachen Fußaufsatz zu wechseln, grandios gescheitert war. Ich freue mich, dass meine Rückkehr zum Vorfußlauf die Reizung deutlich verringert hat und werde jetzt nach anderen Energiesparmöglichkeiten suchen, die weniger destruktiv sind.

Andere Möglichkeiten?

Ein Läufer, der mich nach meinem ersten Zugvögel-Artikel kontaktiert hat, empfahl mir das Buch "Laufen" von Bernd Heinrich, einem der besten Ultraläufer (100km mit einem Schnitt von unter 4 Min/km). Heinrich schildert darin nicht nur, wie er es geschafft hat, sich auf solche Distanzen einzustellen (ein Schwerpunkt ist die Ernährung), sondern auch welche Langstreckenfreaks es im Tierreich gibt und wie diese ihre extremen Entfernungen bewältigen. Sehr interessant, obwohl er den von mir bevorzugten Aspekt der Bewegungsökonomie nur am Rande betrachtet. Aber vielleicht habe ich ja auch nur zu viel Hoffnung in diesen Aspekt gesetzt. Wie beim letzten Mal verspreche ich auch jetzt, nach einiger Zeit und Erfahrung wieder zu berichten...

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