Asphalt-Steppe

In der Osterausgabe 2014 der Frankfurter Rundschau fand ich unter dem Titel "Wo drückt der Schuh?" einen bemerkenswerten Artikel über den richtigen Joggingschuh. Interviewpartner war Markus Walther, der als Professor an der Universität Würzburg Orthopädie und Traumatologie von Fuß- und Sprunggelenk lehrt. Da eines seiner wissenschaftlichen Schwerpunktthemen die Biomechanik ist, ließ ich mich nicht von der Unterüberschrift "Wann alte Laufschuhe entsorgt werden sollten..." von der Lektüre des Artikels abhalten und fand einige interessante Stellen im Text des Artikels (Zitate aus dem Artikel kursiv und in Gänsefüßchen).

"Wir gehen heute davon aus, dass die Dämpfung eines Schuhs nur so stark sein sollte, dass sie den Härte-Unterschied zwischen Asphalt und Steppe ausgleicht."

Welche Grundannahmen stecken in dieser Aussage? Ich interpretiere hier vorsichtig etwas freier:

Für die bisherigen (aber werbetechnisch längst überwundenen) Paradigmen der Schuhhersteller ist gerade der erste Punkt sicher eine Bankrotterklärung, wurde immer doch so viel Wert auf unterstützende Strukturen ("IGS", "BOOST", "Super BioMoGo DNA" und Konsorten) gelegt. Aber Achtung: wenn ich hier aktuelle Erkenntnisse eines Biomechanikers zitiere und die bisherige Schuhtechnik kritisiere, muss ich akzeptieren, dass auch bei der Entwicklung des damaligen und von mir so heftig kritisierten technischen Dämpfungs-Schnickschnacks Mediziner, Biomechaniker und Ingenieure beteiligt waren, deren Erkenntnisse sich im Zeitablauf als nicht haltbar herausgestellt haben. Warum sollte es also heute anders sein?

Der zweite Punkt (die Steppe als unser natürliches Laufrevier) scheint selbstverständlich, ist es aber nicht. Ob sich unser Fuß zu seiner heutigen Form in der Steppe entwickelt hat oder ob es nicht auch andere Untergründe gibt, für die er im Laufe der Evolution angepasst wurde, kann ich nicht beurteilen. Meiner Auffassung nach ist unser Fuß ein seltenes Unikum in der Tierwelt. Er kann:

und schafft damit den unmöglichen Spagat zwischen Generalist (der alles kann, aber jeweils nur ein bischen) und Spezialist (der wenig kann, aber das sehr gut). Entwicklungstechnisch umfassen seine Fähigkeiten noch die der Affen (klettern, greifen) und schon die der Laufspezialisten im Tierreich (wir sind zwar nicht schnell, aber sehr ausdauernd). Wir sind damit in der Lage, auf einem extrem empfindsamen Körperteil mit voller Wucht herumzutrampeln. Erstaunlich. Aber genau damit können wir auch auf anderen Untergründen als in der Steppe laufen, so zum Beispiel auf unebenen Untergründen bis hin zu geschotterten Waldwegen!

Der letzte Punkt (Asphalt ist härter als Steppe) ist für einen passionierten Waldweg-Steine-Läufer zwar verständlich, zwingt mich aber zur Gegenrede: wer nach 150m Schotter wieder auf einen mit nur kleinen Steinen durchsetzten Waldweg kommt, atmet auf. Wer danach auf glattem Asphalt laufen darf, fühlt weichen Samt und schmeichelnde Seide unter der Sohle. Und dies nicht nur, weil der Fleischklopfer-Effekt des Untergrunds plötzlich fehlt, sondern auch, weil er seine ganze Energie in die sanfte Landung auf dem flachen Boden investieren kann und nicht all seine Fußmuskeln für den Druckausgleich eins Impact braucht, der mit jedem Schritt einen anderen Teil der Sohle herausfordert. Nur für Läufer, die - weil sie sonst nur in Schuhen laufen - barfuß auf den Asphalt platschen, ohne die Fußmuskeln aktiv einzusetzen, ist der Asphalt härter als die Steppe.

Markus Walther bleibt aber nicht bei der Dämpfung stehen: gut gefallen mir auch seine Aussagen zu den seit Jahren beliebten Pronationsstützen in den Schuhen:

"Auch die Pronation will man heute nicht mehr durch stützende Elemente verringern. Das Einsinken des Längsgewölbes ist ein natürlicher Mechanismus, den wir brauchen, um den Aufprall abzufangen - das Fußgewölbe ist ein natürlicher Stoßdämpfer."

Recht hat er! Wir brauchen den Mechanismus! Leider aber haben sehr viele Läufer gar kein funktionierendes Gewölbe mehr, sondern Plattfüße ohne Dämpfungsfunktion. Und dies nicht, weil sie eine genetische Veranlagung dazu haben, sondern weil sie dem Gewölbe durch das Tragen von Schuhen seit frühester Jugend das ihm zustehende Training versagt haben. Diese Läufer holen sich beim plötzlichen Umstieg auf weniger gedämpfte Schuhe schnell Überlastungen, die sie nur mittelbar dem Fußgewölbe zuschreiben. Weil der Fuß mangels Gewölbe-Dämpfung zu hart auf den Boden knallt, belasten diese Läufer ihre Sprunggelenke viel zu stark, was in größerer Abnutzung oder unergonomischen Ausgleichsbewegungen resultiert. Die Folge: es zwickt irgendwo anders im Bein oder sogar noch weiter oben bis hinauf zum Genick. Ich habe diese Erfahrungen am eigenen Leib gemacht, als ich vor 4 Jahren (April 2010) begann, mit FiveFingers zu laufen, siehe Der Vibram-Kick: barfuß im Wald

Hilfreich ist daher nicht der schnelle Umstieg auf wenig Dämpfung, sondern das Training des Gewölbes, bevor die wenig gedämpften Schuhe benutzt werden. Entweder steigt man allmählich auf immer weniger gedämpfte Schuhe um und lässt sich dafür mindestens ein ganzes Jahr Zeit, oder man trainiert seine Fußmuskulatur bewusst (Muskelaufbau für Barfuß-Läufer).

Was mir besonders an Markus Walthers Aussagen gefallen hat, betrifft das Thema "Laufanalyse im Sportgeschäft":

"Man kann aus einer professionellen Laufanalyse sehr viel herauslesen - nur reden wir dann von Analysegeräten im Wert von mehreren hunderttausend Euros und einer Datenanalyse durch einen Ingenieur, Mathematiker oder Biomechaniker. (...) Im Sportgeschäft trifft man nicht selten einen Schuhfachverkäufer, der mal ein Wochenendseminar in Ganganalyse gemacht hat. Die Systeme, mit denen man wirklich viel herausfinden kann, sind für ein Schuhgeschäft zu teuer. (...) Wir konnten aber im Rahmen einer Studie zeigen, dass das Gefühl des Läufers, wenn er mit dem Schuh einige Minuten läuft ähnlich zuverlässig ist wie extrem aufwendige Messungen"

Ich schließe mich dieser Auffassung an, weil wir auch ohne feines Tuning unserer Propriozeption (Die Körperlupe) schon ein leistungsfähiges Instrumentarium für die Beurteilung der Eignung eines Schuhs für unsere Füße und unsere Lauftechnik haben. Wir müssen diesem Instrumentarium nur vertrauen: auch unser Gefühl - das in letzter Zeit nur noch als Bauchgefühl bezeichnet wird - ist ein wertvoller Teil unserer Urteilskraft.

Mein Fazit des Rundschau-Artikels: wer zwischen den Zeilen liest, kann sehr gut feststellen, dass jeglicher Technikzusatz bei Schuhen immer dann zu Problemen führt, wenn er die natürliche Funktionsweise des Fußes beeinflusst und damit beeinträchtigt. Die idealen Schuhe - wenn man überhaupt welche tragen möchte - sind daher aus meiner Sicht der Dinge Huaraches, die die Fußsohle vor Verletzungen schützen und eine geringe Dämpfung über die Sohlendicke bewirken, ansonsten aber den Fuß frei arbeiten lassen. Bitte aber nur langsam auf solches Schuhwerk umsteigen! Und bei Laufanalysen im Sportgeschäft: bitte Kopf aus- und Bauch einschalten; besser einfach vor dem Laden ein paar Runden drehen. Ein Shop, der das nicht möchte, hat uns als Kunden nicht verdient.

Weiter zum Blog-Artikel: Langsamkeit
Zurück zum Blog-Artikel: Andrea
Nach oben
Die Tagcloud zeigt alle in den Beiträgen markierten Begriffe an, die insgesamt mindestens 25 mal verwendet wurden. Je größer ein Begriff erscheint, desto öfter wurde er insgesamt verwendet.
Die Intensität der Farbe rot zeigt an, wie oft ein Begriff im gerade anzeigten Beitrag verwendet wird.
Der Klick auf einen Begriff führt zur Tag-Suche.
Alle Begriffe sind in der großen TagCloud zu sehen.
achillessehne arm asphalt aufprall ballen barfuß bein belastung bewegung boden bodenkontakt buch chirunning druck dämpfung eis energie erfahrung feder ferse fivefingers form freude fuß fußaufsatz fußsohle fähigkeit füße gefühl gelenk geschwindigkeit gewicht haltung haut heggie hüfte kalt kamera knie kopf kraft körper lauf laufen laufstil leben läufer marathon mensch methode muskel natur neigung reiz rücken sandale schmerz schnee schnell schotter schritt schuh schulter schwerkraft sehne sohle sole runner spaß stein strecke technik tempo training uhr untergrund unterschenkel verletzung vorfuß vortrieb wade wahrnehmung wald wasser weg weich welt wettkampf zehen zeit ziel überlastung
Beiträge
Nach oben