Komfort
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Der Kaffeevollautomat

Ab sofort gibts Kaffeegenuss pur: in der Küche steht die neue Kaffeemaschine und freut sich schon darauf, uns mit allen denkbaren Spezialitäten zu verwöhnen. Sie kann einfach alles: Espresso, Cappuchino, Latte Macchiato, Cafe Creme in unterschiedlichen Größen, für ein oder zwei Portionen gleichzeitig, sogar mit wählbarer Kaffeestärke. Das wunderbare Gerät wärmt die Tassen und macht sie auf Knopfdruck richtig heiß, es spült nach der Benutzung den Milchaufschäumer und sieht darüberhinaus auch noch sehr wertvoll aus. Das beste aber ist: der Kaffee - vorausgesetzt man hat sich auch für eine hochwertige Sorte entschieden - schmeckt wirklich gut.

Unser neues Werkzeug macht uns wirklich viel Spaß. Natürlich folgen wir seinen Pflegeaufforderungern, damit unser Schätzchen möglichst lange fit bleibt. Nach etwa zwei Monaten passiert es dann: beim Ausleeren des Tresters (der Kaffeerest, den man dann zum Biomüll gibt) fällt auf, dass eine kleine Menge statt im Satzbehälter zu liegen unter dessen Boden klebt; da hatte unser Schätzchen beim Auswurf wohl nicht genau genug gezielt. Schlimmer als der Ort des Tresters ist seine Farbe: ein ins türkise gehendes helles blaugrau, das uns sofort verrät: hier schimmelt's.

Bedienungsanleitung studiert und die Kiste wie beschrieben auseinandergenommen. Das ganze Elend kommt beim Herausnehmen der Brühgruppe zum Vorschein: das Gerät ist innen total verschimmelt. Mit viel heißem Wasser und Spülmittel, einer feinen Spülbürste und einem ganzen Set an Wattestäbchen kriege ich die Maschine schließlich wieder hin. Das ungute Gefühl, die letzten Wochen einen Kaffe getrunken zu haben, der dicht am Schimmel vorbeigeströmt ist, vergeht erst nach Tagen. Ich will hier nicht über die Ursache dieses Befalls sprechen, sondern vielmehr darüber, was passiert, wenn wir Aufgaben delegieren und nicht mehr sehen, wie sie erledigt werden. Das Muster ("aus den Augen, aus dem Sinn") findet sich in unserer globalisierten Wirtschaft nahezu überall; in einer sehr extremen Ausprägung sogar in der eingestürzten Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch, bei der internationale Textilhersteller die Produktion ihrer Kleider so weit weg delegiert hatten, bis sie nicht mehr sehen mussten, auf welche menschenunwürdige und gefährliche Weise die Herstellung unserer einmal-tragen-und-dann-weg-weil-so-billig-Klamotten erfolgt.

Der Pulsmesser

Wenn kleine Kinder Nachlaufen spielen, gehen sie oft an die Grenzen ihrer Kraft und Ausdauer. Sie spüren die Grenzen körperlich und hören auf, wenn sie nicht mehr können. Sind sie dann älter und betreiben Jogging wie die meisten von uns, schielen sie auf die Pulsuhr, um herauszufinden, wann sie erschöpft sind (oder voraussichtlich bald sein werden). Unsere Text- und Zahlenverliebtheit lässt uns eher einem Gerät glauben als unseren eigenen Wahrnehmungen. Tommi, ein guter Läufer aus meinem Leichtathletikverein, hat sich schon immer über die Freaks lustig gemacht, die sich am LF (Low Frequency = die untere Pulsgrenze beim Training) orientieren und meinte, sie sollten LF eher als Laber Frequenz interpretieren, eben jenen Puls, bei dem man sich noch locker unterhalten kann. Für diese LF braucht man kein Gerät, sondern nur einen Plapperschnabel (und Mitläufer, sonst wirkts ein wenig seltsam).

Rolltreppen und Aufzüge

Ich schätze nicht nur das richtige Training, sondern auch alle kleineren Anstrengungen, die uns im Vorbeigehen fit halten. Deshalb nehme ich auch prinzipiell die Treppe statt der Rolltreppe und folge damit dem Motto:

Geh' wenn du stehen kannst, steh' wenn du sitzen kannst, sitz' wenn du liegen kannst.

Die meisten Menschen warten lieber 3 Minuten auf den Aufzug, um damit ein Stockwerk zu überwinden, als die Treppe zu nehmen. Ebenso viele fahren mit dem Auto lieber eine Viertelstunde hin und her, um 20m näher am Geschäft zu parken. Nicht wenige brechen mental zusammen, wenn einmal die gewohnte Rolltreppe repariert wird und sie zu Fuß in das nächste Stockwerk müssen.

Komfort um jeden Preis

Was ist denn eigentlich der Vorteil des Komforts? Weshalb nehmen wir fast jede Unannehmlichkeit in Kauf, um mehr Komfort zu bekommen? Warum kaufen wir uns für jedes Nahrungsmittel ein anderes, spezialisiertes Küchengerät, statt unsere Fähigkeiten im Umgang mit einem einfachen guten Messer zu trainieren? Wenn ich ganz tief in mich hineinhorche, ist es der Zauber des Neuen in Verbindung mit der Verblüffung über das, was Erfindergeist und Ingenieurskunst zu Wege bringen. Was ich mir damit an Nachteilen erkaufe (Schimmel, ein schwaches Körpergefühl und schlaffe Beinmuskeln), merke ich erst so spät, dass ich sie gar nicht mehr auf meine schönen neuen Produkte zurückführe. Es ist ja noch viel schlimmer: für jede Schwäche, die ich erst durch die Nutzung komfortabler Produkte erworben habe, gibt es fünf neue Produkte, die mir helfen.

Anders leben!

Ich freue mich inzwischen über jede Fähigkeit, für die ich keine komfortable Technik brauche, und die von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr besser wird. Mein Navi habe ich schon seit Jahren nicht mehr benutzt, selbst wenn ich ohne Navi manchmal etwas länger brauche als die Fahrer, die sich von Boris Beckers oder Bully Herbigs lustiger Stimme zum Ziel leiten lassen. Ich merke aber wenigstens, wenn ich auf der Suche nach dem Ziel an einer Stelle schon zum zweiten Mal vorbeikomme. Dem Navi-Fahrer ist das egal, genauso wie die Gegenden, die er durchquert hat. Und wie ich mir beim Laufen in fremder Umgebung Wege merke, habe ich schon im Ariadnefaden beschrieben. Was aber unbeschreiblich ist: das Erlebnis, aus eigener Kraft etwas zu können, wozu die meisten anderen Menschen inzwischen einen ganzen Zoo von Gadgets brauchen.

Und wenn wir schon Werkzeuge benutzen, dann wenigstens solche, die uns nicht als Preis für den Komfort jede Menge Dienstbarkeiten abverlangen. Der Kaffeevollautomat bestimmt, wann ich mit ihm was machen muss: im schlimmsten Fall muss ich schnellstmöglich nicht nur den Satzbehälter leeren, sondern auch den Kaffeebehälter und den Wassertank füllen, um anschließend eine Maschinenreinigung durchzuführen, nach der auch noch ein Wechsel des Kalkfilters verlangt wird. Gute Technik versklavt uns nicht, weswegen ich mich auch beim Thema Rasur von allen elektrischen Gerätschaften verabschiedet habe und auf einen traditionellen Rasierer mit einfach austauschbaren Rasierklingen gekommen bin. Es hat eine Weile gedauert, bis mir die unblutige Rasur gelang, aber ich hab's inzwischen gelernt und bin maximal zufrieden, auch hier nach dem Grundsatz "Keep it simple" zu handeln zu können.

Ach ja: Laufen gehe ich nach wie vor ohne Schuhe!

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