Technik

Informatiker sehen sich regelmäßig Aufgaben gegenüber, für die sie eine Lösung finden müssen. Nicht dass dies der einzige Beruf ist, in dem solche Situationen vorkommen. Es ist aber einer der wenigen Berufe, in denen das Baumaterial für ihre Lösungen nahezu aus Nichts besteht. Einige magnetisierte Partikelchen, mit bloßem Auge gar nicht sichtbar, auf einem Datenträger, das war es fast schon. Diese Partikelchen, die einem Lesegerät anzeigen, ob sie eine Null oder eine Eins bedeuten, können, wenn sie in der richtigen Kombination vorkommen, einen Text, ein Bild, ein Musikstück oder auch eine elektronische Unterhaltung darstellen, manchmal auch alles zusammen. Wenn die Partikelchen als Befehle formuliert sind und als solche interpretiert werden können, spricht man von einem Programm. Kommen noch Partikelchen dazu, die als Daten Ausschnitte der Wirklichkeit darstellen, entstehen Systeme, derer wir uns bedienen, um unser Leben zu erleichtern. Das Auffinden und Anpassen oder Entwickeln solcher Systeme wie auch die Vermittlung ihrer Bedienung ist mein Beruf.

Die EDV ist inzwischen so tief in unser Leben eingedrungen wie die allgegenwärtige Verfügbarkeit von elektrischer Energie und fließend warmem Wasser. Unsere Daten liegen in der Cloud - irgendwo im Internet - und sind für uns überall und immer zugreifbar. Die vermittelnde Technik - die Geräte, mit denen wir auf unsere Daten zugreifen - sind auf Handtellergröße geschrumpft und ständig bei uns. Und weil sich mit dem unbegrenzten Ausbau unseres Komforts immer mehr Geld verdienen lässt, erfinden sekündlich Heerscharen von Informatikern neue Anwendungen, die uns das Leben noch mehr erleichtern. Für die Fälle, in denen wir mal nicht weiter wissen, bieten uns Suchmaschinen kostenlos Recherchen an, deren Ergebnisse uns weiterhelfen können.
Aber wieso um alles in der Welt schreibe ich hierüber in einem Laufblog?
Weil:

  • auch der Laufblog aus magnetisierten Partikelchen in der Cloud besteht,
  • die allgegenwärtigen Pulsuhren Daten verarbeitende Geräte sind,
  • viele Läufer sich von Trainingsprogrammen unterstützen lassen,
  • die Zeitmessungen vieler Wettkämpfe auf Chips basieren, deren Signale elektronisch weiterverarbeitet werden,
  • Laufgruppen und Vereine via Mail und / oder Social Media kommunizieren,
  • ...
  • für viele von uns der Spaß am Laufen überwiegend aus dem Spaß an der elektronischen Begleitmusik besteht.

Der letzte Punkt ist mein eigentlicher Anlass, über Technik in diesem Blog zu schreiben. Wie schon beim Auto, das ursprünglich mal ein reines Fortbewegungsmittel war, sich aber längst zu Statussymbol, Lebensinhalt und Waffe weiterentwickelt hat, wurde auch die Technik rund ums Laufen schließlich zu einer Hauptsache, die unsere Konzentration so stark vom Wesentlichen ablenkt, dass wir das eigentliche Thema aus den Augen verloren haben.

Mag sein, dass dies deshalb geschehen konnte, weil wir alle wieder und wieder auf die Werbung hereinfallen und glauben, dass Glück und Erfolg in Form von Produkten käuflich erworben werden können. Jeder, der einmal erfolgreich Kopfschmerzen mit einer Tablette bekämpft hat, weiß ja, dass es funktioniert. Und wer sich noch an die Magie erinnert, mit der die erste Pulsuhr uns gezeigt hat, wie unser Herz schlägt, und uns zur Steigerung der Trainingseffizienz zum langsameren oder manchmal auch schnelleren Laufen animiert hat, wird keinen Zweifel daran haben, dass auch die anderen Produkte unseren Erfolg und unser Wohlbefinden steigern können. Vielmehr noch: sie tun es sofort, ohne dass wir uns dies lange erarbeiten müssen. Gerade darin liegt die enorme Verführungskraft der technischen Produkte: man kauft sie und schon wirken sie.

Wenige merken es gleich, viele erst sehr spät und die meisten leider gar nicht: alle Produkte, die uns etwas abnehmen, was uns bisher Kraft kostete oder anderweitig mühsam oder lästig war, schwächen uns. Alles, was wir nicht mehr selbst machen, verlernen wir. Use it or lose it.
Die Laufuhr, die uns den Puls anzeigt, verhindert, dass wir ihn präzise erspüren.
Das Navi, von dem wir uns zum Ziel leiten lassen, lässt uns die eigenen Navigationsfähigkeiten verlieren.
Der Laufschuh, der uns stützt und den Aufprall dämpft, macht den Fuß schwach und unsensibel.
Die Liste lässt sich mühelos fortsetzen.

Ist denn aber wirklich jede Technik schlecht? Als Informatiker komme ich mir arg seltsam vor, wenn ich mich so gegen Technik wende, wo ich doch selbst damit mein Geld verdiene. Meine Antwort lautet daher auch: es kommt darauf an, wozu wir die Technik einsetzen. Wenn sie uns unterstützt, wo wir keine entsprechenden Fähigkeiten haben (und auch keine erwerben können wie etwa beim Weltraumflug), ist sie willkommen und erweitert unsere Fähigkeiten.
Wo sie uns aber schwächt, weil sie uns das Leben (meist nur zum Schein) erleichtert, sollte sie besser weggelassen werden. Wer einmal gesehen hat, wie Menschen verfallen, die sich nicht mehr bewegen, weil sie der Überzeugung sind, sie hätten in ihrem Leben genug geschafft, wird alles dafür tun, sich nicht von irgendwelchen Gadgets in einen trägen, verblödeten Fleischklops verwandeln zu lassen.

Als Teil der Natur (und als Tiere, die wir zweifelsfrei noch immer sind, selbst wenn wir dies nicht zugeben möchten) haben wir einen ungeheuren Schatz an Fähigkeiten, deren bewusste Anwendung uns glücklicher machen kann als jede gekaufte Freude.
Kinder wissen dies noch, denn sie freuen sich über alles, was sie neu können.

Nach oben
Die Tagcloud zeigt alle in den Beiträgen markierten Begriffe an, die insgesamt mindestens 25 mal verwendet wurden. Je größer ein Begriff erscheint, desto öfter wurde er insgesamt verwendet.
Die Intensität der Farbe rot zeigt an, wie oft ein Begriff im gerade anzeigten Beitrag verwendet wird.
Der Klick auf einen Begriff führt zur Tag-Suche.
Alle Begriffe sind in der großen TagCloud zu sehen.
achillessehne arm asphalt aufprall ballen barfuß bein belastung bewegung boden bodenkontakt buch chirunning druck dämpfung eis energie erfahrung feder ferse fivefingers form freude fuß fußaufsatz fußsohle fähigkeit füße gefühl gelenk geschwindigkeit gewicht haltung haut heggie hüfte kalt kamera knie kopf kraft körper lauf laufen laufstil leben läufer marathon mensch methode muskel natur neigung reiz rücken sandale schmerz schnee schnell schotter schritt schuh schulter schwerkraft sehne sohle sole runner spaß stein strecke technik tempo training uhr untergrund unterschenkel verletzung vorfuß vortrieb wade wahrnehmung wald wasser weg weich welt wettkampf zehen zeit ziel überlastung
Beiträge
Nach oben